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22. Dezember 2003

Ein Fenster zu den wissenschaftlichen Ahnen – Professor Klaus Goerttler legt ungewöhnliche Biografien-Sammlung vor

Das Material zu "Wegbereiter unserer naturwissenschaftlich-medizinischen Moderne" schlummerte 20 Jahre im Schreibtisch und wurde in drei Jahren liebevoller Kleinarbeit schließlich ein Buch

Wer kennt sie nicht aus spätabendlichen Erzählungen bei einem Glas Wein, jene unvollendeten literarischen, künstlerischen oder editorischen Projekte, welche Wissenschafter oft ein ganzes Forscherleben lang mit sich herumtragen. Ideen, die Jahre im stillen Kämmerlein reifen. Deren eigentümliche Impulse zu Verwirklichung überhaupt nur aus der individuellen Biografie zu begreifen sind, deren faktische Umsetzung jedoch zu guter Letzt immer an Zeitnot oder finanziellen Realitäten scheitert. Doch selten, ganz selten kommt es auch anderes. Eine solch schöne – und auch ein wenig schillernde – publizistische Orchidee pflanzte Klaus Goerttler, emeritierter Ordinarius für experimentelle und vergleichende Pathologie der Medizinischen Fakultät in seinem Ruhestand.

"Wegbereiter unserer naturwissenschaftlich-medizinischen Moderne. 219 Biographien zur Portrait-Sammlung des Anatomen Robert Wiedersheim (1848-1932)", so lautet der Titel des von ihm herausgegebenen Buches. "Im Jahr 1983 befand sich im Nachlass meines Vaters Kurt Goerttler ein in Leder gebundenes, silberbeschlagenes Photo-Album. Dieses hatte der frühere Freiburger Anatom Robert Wiedersheim angelegt, der von 1876 – 1918 das Fach Anatomie und vergleichende Anatomie gelehrt hatte", weiß das Vorwort zu berichten. Dieses Album enthielt 240 Fotografien und einzelne Drucke von 196 Naturwissenschaftlern und Medizinern sowie 23 Porträts von Personen anderer Disziplinen, die der Sammer Wiedersheim als bedeutende Personen bewertete, oder die als Kollegen, als wissenschaftliche Vorbilder und Schüler Einfluss auf sein Leben genommen hatten. In dem Album werden die persönlichen Beziehungen entweder durch Widmung durch die Dargestellten oder durch Bleistiftnotizen von Wiedersheim deutlich.

Auf abenteuerlichen Wegen gelangte die Sammlung schließlich in die Hände des Autors: Kurz vor seinem Tod übergab Wiedersheim das Album seinem Schüler und Freund Eugen Fischer, ebenfalls Anatom an der Universität Freiburg. Über diesen kam es schließlich an dessen Freund Kurt Goerttler, eben dem Vater des Autors. "20 Jahre lag diese Sammlung unvergessen in meinem Schreibtisch", berichtet Klaus Goerttler. "Nach meiner Pensionierung machte ich mich daran, das seltene Material aufzuarbeiten. Drei Jahre brauchte ich schließlich dazu." Doch die Arbeit hat sich gelohnt: In akribischer Kleinarbeit gelang es ihm, den überlieferten Fotografien aus den verschiedensten Archiven und Lexika, biografische Daten zuzuordnen. Dies gestaltet sich nicht zuletzt deshalb als ein heikles Unterfangen, da sich von vielen Persönlichkeiten heute kaum Spuren erhalten haben. In ihrer vorliegenden Form präsentiert die Sammlung solcherart mehr als eine willkürliche Versammlung von Individuen der Zeitgeschichte. "Damit wächst das Album über persönliche Erinnerungen hinaus und gewinnt den Charakter eines historischen Dokuments. Die in der vorliegenden Sammlung abgebildeten, mit ihren Lebensdaten versehenen Personen, Wissenschaftler wie auch Maler und Schriftsteller sind Zeitzeugen, mitunter auch Mitgestalter ihrer politischen Umwelt. Sie repräsentieren in ihren Biographien ihre Stellung in ihrer Zeit, d.h. dem 19. Jahrhundert." Tatsächlich ist gerade die gewählte Anordnung geeignet, ein besonderes Fenster in jene – wie Karl Jaspers sie nennen würde – "Achsenzeit" der naturwissenschaftlichen Moderne aufgestoßen.

Neben Forschern, die Weltbilder stürzten und neue formten, wie Charles Darwin und Marie Curie, finden sich einige Wissenschaftlerbiografien mit Bezug auf Heidelberg, wie jene des bekannten Anatomen Karl Gegenbaur, oder heute kaum noch zu eruierende Gestalten, wie dessen Laboratoriumspraktikant J.F. van Bemmelen, von dem jedoch immerhin noch mit Gewissheit berichtet werden kann, dass er eine "Arbeit über die Entwicklung der Kiementaschen und der Aortenbögen bei den Seeschildkröten" verfasste. Auch die Biografie des Sammlers ist aufschlussreich. Wir erfahren über Wiedersheim, dass er sich schon als Schüler für Botanik und Zoologie interessierte. Sein Abitur schaffte er jedoch nur mit Hängen und Würgen. Auch ansonsten legte er alles andere als einen wissenschaftlichen Blitzstart hin, ohne Habilitationsverfahren trat er als Prosektor (Leitender Oberarzt an Instituten für Anatomie und Pathologie) an. Doch was dem heutigen Eliten verliebten Denken als ein Graus erscheint, zeitigte als Lebenswerk große Erfolge: Wiedersheims wissenschaftliche Laufbahn wird gekrönt durch die Publikation mehrerer hoch geachteter Lehr- und Fachbücher über vergleichende Anatomie, diese werden in viele Sprachen übersetzt und erleben gleich mehrere Neuauflagen. Um dem heutigen Leser einen Brücke in das 19. Jahrhundert zu schlagen, fügte Goerttler ein Glossar an. Die dort angeführten Begriffserklärungen erweisen sich als ausgesprochen hilfreich, da viele Begriffe entweder dem Laien unbekannt oder heute ungebräuchlich geworden sind. Auch diese kleine Fleißarbeit ist dem Autor ausdrücklich als Verdienst anzurechnen.

Johannes Schnurr

"Wegbereiter unserer naturwissenschaftlich-medizinischen Moderne. 219 Biografien zur Portrait-Sammlung des Anatomen Robert Wiedersheim (1848-1932)" von Klaus Goerttler. Verlag Academia-Press/Studenten-Presse, Heidelberg 2003. 189 Seiten, 25 Euro

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