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26. November 2003

Für stärkeren Dialog der Religionen

Der Heidelberger Theologe Christoph Schwöbel lehrte im Sommersemester 2003 in Kyoto

 Prof. Christoph Schwöbel und Prof. Eiichi Katayanaga aus Kyoto im Garten des Heidelberger Ökumenischen Instituts.

Wieder in Deutschland: Prof. Christoph Schwöbel und Prof. Eiichi Katayanaga aus Kyoto im Garten des Heidelberger Ökumenischen Instituts. Foto : privat

Die Welt ist kleiner geworden – sie hat sich in ein ‚Globales Dorf' verwandelt. Allerdings beherrschen in diesem Dorf die Einbahnstraßen das Ortsbild, dominiert doch die westliche – und vor allem die amerikanische – Kultur den Austausch zwischen den Völkern. Das betrifft den Zugang zu den weltweiten Kommunikationsmedien ebenso wie die Allgegenwart bestimmter Gebrauchsgüter. Die Omnipräsenz mancher Produkte – Cola – Flaschen findet man heutzutage wirklich überall auf der Erde – wird jedoch in vielen nicht-westlichen Gesellschaften als ein Zeichen kultureller Überfremdung empfunden. Wenn man sieht, dass die Globalisierung selbst in Europa oder in den USA für Identitätskrisen sorgt, muss man sich fragen, wie sie in Gesellschaften erfahren wird, die erst vor einigen Jahrzehnten in die Moderne katapultiert wurden. "Betrachten wir die Globalisierung unter der Fragestellung nach dem Verhältnis von Toleranz und Identität, erscheint es aus der Perspektive der nicht-westlichen Kulturen so, als werde von ihnen Toleranz gegenüber dem wirtschaftlichen Vordrängen des Westens gefordert, das zugleich die Symbole westlicher Kultur zur kulturellen Leitwährung der nicht-westlichen Kulturen macht. Die erzwungene Toleranz führt zum Gefühl einer massiven Identitätsbedrohung, die sich im Protest gegen die Globalisierung äußert. Radikale Intoleranz – von dem Versuch der vollständigen Selbstabschließung bis zur terroristischen Gewalt – kann so zur Folge der erzwungenen Toleranz werden."

Prof. Schwöbel im Gespräch mit dem Abt des Zen-Klosters Tenryu-ji, Seiko Hirata

In Japan: Prof. Schwöbel im Gespräch mit dem Abt des Zen-Klosters Tenryu-ji, Seiko Hirata. Foto : privat

Professor Christoph Schwöbel, Direktor des Ökumenischen Instituts an der Universität Heidelberg, betrachtet die gegenwärtige Entwicklung mit Sorge. Vor allem in der Golfregion besteht nach seiner Meinung die Gefahr, dass die amerikanische Irakpolitik eine fundamentalistische muslimische Radikalisierung verstärkt und sie neu hervorruft, wo es sie vorher noch nicht gab. "Der Irak war vor dem Krieg ein sehr säkularer Staat. Gerade die Verwendung christlicher Glaubenssprache zur Rechtfertigung des Krieges in den Reden des US-Präsidenten führte zu einer Solidarität islamischer Strömungen gegenüber dem Westen und dem so für den Krieg instrumentalisierten Christentum." Dabei wurde die Politik George Bushs und ihre religiöse Rechtfertigung auch und gerade von christlichen Gemeinden in den Vereinigten Staaten auf das Schärfste kritisiert. So sehr die Absetzung eines Diktators zu begrüßen ist, so wenig dient eine zunehmende Radikalisierung einzelner islamischer Gruppierungen dem Frieden und der Gerechtigkeit in der Region.. "Religion kann eben nicht nur Gutes im Menschen wecken, sondern für das Böse missbraucht werden," erklärt Professor Schwöbel, der in den Bereichen der Dogmatik und der ökumenischen Theologie forscht, und einen intensiveren Dialog der Religionen und Weltanschauungen anmahnt. Denn längst sind die allermeisten politischen Konflikte ohne die religiösen Hintergründe nicht mehr zu verstehen – in einer säkularen Welt wird das Wissen um die Religionen immer relevanter.

Wenn es um Fragen der interkonfessionellen Toleranz geht, gilt Christoph Schwöbel auch international als Experte. So lehrte er beispielsweise im Frühling diesen Jahres in Kyoto. Die dortige Universität gilt – neben der Universität in der Hauptstadt Tokyo – als die wichtigste japanische Hochschule, und ist zudem Partner der Heidelberger Ruperto Carola. "Im Rahmen dieser Partnerschaft verbrachte ich nun das Sommersemester als Lehrbeauftragter an der stark von den Geisteswissenschaften geprägten Universität von Kyoto. Dort ist man im höchstem Maße vertraut mit Europa und dessen geistigen Traditionen. Es existiert sogar ein kleines Seminar für die Erforschung des Christentums – obwohl der Anteil der Christen in Japan verschwindend gering ist, und im Bereich von 2 oder 3 Prozent liegt." Dennoch sind christliche Wertvorstellungen im Land der aufgehenden Sonne durchaus nicht unbekannt, was ein Ausdruck des stark ausgeprägten Pluralismus ist. Koexistenz statt Konkurrenz prägt das Miteinander der Religionen in Japan. "Das geht mitunter so weit, dass sich viele Japaner als Buddhisten sehen, gleichzeitig aber auch zum Beten einen Schinto – Schrein besuchen oder eine christliche Hochzeit nach westlichem Muster feiern. Diese Doppelzugehörigkeit ist durchaus nicht unüblich – und so etwas fasziniert natürlich ebenso wie die Tatsache, dass sich in jeder größeren buddhistischen Tempelanlage ein Schinto – Schrein findet."

Der Schintoismus sieht die Welt – und damit auch einen buddhistischen Tempel – als einen von Göttern durchwirkten Ort. Diese Götter – die Kami – müssen indes zum Wohl der Menschen besänftigt werden, was beispielsweise im Schinto – Schrein geschieht. Für Buddhisten hingegen sind auch die Kami – wie alle anderen Lebewesen – noch unterwegs auf dem Pfad der Erleuchtung und insofern selbst Besucher des Buddhatempels. "Diese wechselseitige Interpretation ist indes nur eine der zahlreichen japanischen Besonderheiten. Eine weitere Eigenart ist die Spezialisierung der einzelnen Glaubensrichtungen auf verschiedene Aspekte des Lebens. So pflegt der Buddhismus in Japan die Begräbniskultur, während für Hochzeiten eher die Priester des Schintoismus sowie des Christentums zuständig sind. Diese aus westlicher Perspektive ungewöhnliche ‚Arbeitsteilung' – wenn man es so nennen will – ist für Japan durchaus selbstverständlich."

Natürlich kann ein solches Miteinander der verschiedenen Glaubensrichtungen nicht ohne einen institutionalisierten Dauerdialog funktionieren. "Das wurde auch bei einem Symposium mit Vertretern verschiedener japanischer Glaubensrichtungen deutlich, in dem unter anderem meine Thesen zur religiös begründeten Toleranz diskutiert wurden. Dort konnten wir außerdem die weit verbreitete Meinung widerlegen, Toleranz sei umso besser möglich, je weniger religiös die Menschen seien. Vielmehr ist das Gegenteil der Fall. Erst eine vertiefte Verwurzelung in die eigene Religion ermöglicht es uns, offen gegenüber dem fremden Glauben zu sein," erklärt Christoph Schwöbel. "Je wackeliger die religiöse Identität ist, desto eher neigt eine Gesellschaft zur Intoleranz." Natürlich darf diese Bindung nicht fanatisch werden oder – wie im Falle der japanischen Aum – Sekte, die für einen Anschlag auf die U-Bahn in Tokyo 1995 verantwortlich war – zu einer Abschottung und Dialogverweigerung tendieren. "Hierüber wurde natürlich auch diskutiert. Denn in einer Zeit, in der die Religionen für eine globalisierte Weltordnung immer relevanter werden, braucht es den Kontakt der Politik zu den Religionen als auch den Kontakt der Religionen untereinander. Deshalb suchten wir auch nach Lösungen, wie auf der Basis unterschiedlicher religiöser Standpunkte gemeinsame Ziele eines toleranten Zusammenlebens entstehen können. Denn jede Weltanschauung hat ihre ‚Toleranz – Ressourcen', die es im Interesse einer friedlichen Koexistenz zu nutzen gilt. Und so etwas lässt sich in Japan ganz wunderbar erforschen."

Der Aufenthalt in Japan vermittelte Christoph Schwöbel indes nicht nur rein theoretische Einsichten. Vielmehr wurden die Erkenntnisse durch persönliche Begegnungen mit Vertretern der verschiedenen japanischen Glaubensrichtungen ergänzt. "Dass ich die akademische Theorie mit einer ‚lebendigen Füllung' versehen konnte, war sicherlich die spannendste Erfahrung. Überrascht hat mich dabei die Aufgeschlossenheit, mit der mir – dem christlichen Gelehrten aus dem Abendland – gerade zum Ende meines Aufenthaltes hin begegnet wurde. Hier fand tatsächlich ein Dialog auf gleicher Ebene statt, der durch gegenseitigen Respekt ermöglicht wurde. Waren die ersten Wochen noch von einem vorsichtigen ‚Beschnuppern' geprägt, so konnte ich mich am Ende meines Lehrauftrags kaum noch vor Einladungen zu Vorträgen oder Diskussionen retten. Das war außerordentlich konstruktiv – und eine sehr schöne Erfahrung, an die ich mich gerne zurückerinnere."

Die Kontakte nach Japan endeten jedoch nicht mit der Gastprofessur. Ganz im Gegenteil soll dieser den Beginn eines langfristigen akademischen Austauschs darstellen. So brachte Christoph Schwöbel gleich einen Kollegen, Prof. Dr. Eiichi Katayanagi, aus Kioto mit. Er wird bis November in Heidelberg forschen und zum Anfang des Wintersemesters mit Prof. Schwöbel ein Seminar zur religiösen Situation in Japan halten. Weiterhin werden mit Beginn des neuen akademischen Jahres Doktoranden und Doktorandinnen erwartet, die in Deutschland promovieren werden. Auch dieser Austausch findet unter dem weit gefassten Schwerpunkt des religiösen und kulturellen Pluralismus statt. Diesen indes dürfen die Studenten in Heidelberg täglich selbst praktizieren, leben doch im Ökumenischen Wohnheim die verschiedensten Kulturen unter einem Dach zusammen. Das führt zwar bisweilen zu kleineren Unstimmigkeiten – vor allem wenn es um kulturelle Unterschiede im Tagesablauf geht. Doch letztlich ist die Realität im Wohnheim von gegenseitigem Respekt geprägt, wird hier Toleranz tatsächlich gelebt. "Das wiederum macht deutlich, dass das Verständnis von Religion durchaus keine Privatsache ist, sondern eine öffentliche Angelegenheit, die dem Interesse aller dienen kann. Unsere Aufgabe als Wissenschaftler ist es nun, den Menschen hierfür Hilfestellungen zu bieten. Nicht die Reduktion der Religion fördert die Toleranz, sondern das richtige Verstehen der eigenen wie der anderen Seite," meint Christoph Schwöbel. Und das gilt umso mehr, je kleiner die Welt wird.

Heiko P. Wacker

Rückfragen bitte an
Dr. Michael Schwarz
Pressesprecher der Universität Heidelberg
Tel. 06221 542310, Fax 542317
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