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25. November 2003

"Lob der Lüge"

Wann ist die Lüge im Tierreich entstanden und was können wir daraus lernen? – Der Londoner Anthropologe Professor Volker Sommer spricht in der Reihe "Grenzsituationen des Lebens" am Sonntag, 30. November 2003 um 11.00 Uhr im Großen Hörsaal des Zoologischen Instituts der Universität Heidelberg

Die Lügenbarone im Tierreich sind die Affen.

Die Lügenbarone im Tierreich sind die Affen. Sieht so ein Lügner aus?

Prof. Dr. Volker Sommer hat über 100 wissenschaftliche Fachpublikationen und ein gutes Dutzend bekannter populärwissenschaftlicher Bücher verfasst. Bekannt geworden ist er auch durch zahlreiche Artikel in Zeitschriften und Fernsehproduktionen.

"Alles hat Gott ins Leben gerufen, mit Ausnahme der Lüge. Die haben die Menschen erfunden." So bündelt rabbinische Weisheit den Glauben an die paradiesische Unschuld. Die moderne Verhaltensforschung allerdings ist anderer Meinung: Einen Garten voller Unschuld hat es nie gegeben. Die Lüge ist nicht erst ein Makel der Kreatur, seit das Menschengeschlecht im Paradies der Tücke des Teufels zum Opfer fiel. Vielmehr versuchten bereits die Geschöpfe der "vormenschlichen" Genesistage, einander hinters Licht der Wahrheit zu führen.

Die Lügenbarone im Tierreich sind dabei die Affen. Ein beliebtes Mittel, um andere auszutricksen, ist der falsche Alarm. Von den Languren-Affen Indiens etwa wird berichtet, wie Rangniedere eine Beinverletzung des Ranghöchsten ausnutzten, und ihm reife Früchte streitig machten. Der Alpha-Affe – ein erfahrener Haudegen – stieß während einer solchen Rempelei unvermittelt kehlige Laute aus, wie sie sonst nur zu hören sind, wenn Gefahr droht: von einem Rudel Hunde etwa oder von Leoparden. Der Alarm schickte die anderen Affen sofort auf die Bäume. Alpha aber blieb ruhig am Boden sitzen und verzehrte seine Früchte.

Ranghoher Rhesusaffe überprüft die Backentaschen von Rangniederem auf Nahrung.

Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser: Ranghoher Rhesusaffe überprüft die Backentaschen von Rangniederem auf Nahrung.

Falscher Alarm – was geht's die Hörer an? Vermutlich viel. Denn führende Köpfe der Evolutionsbiologie mutmaßen, unsere Denkfähigkeit sei unter dem strengen Regiment der natürlichen Auslese herangezüchtet worden, damit wir Betrüger rascher entlarven und selber besser vermeiden können, bei Betrugsmanövern aufzufliegen. Wahrscheinlich hat sich unser Gehirn im Laufe der "Hominisation", der Menschwerdung, vergrößert, weil wir mit stetig raffinierterem Lug und Trug konfrontiert wurden und weil unsere eigenen Betrugsmanöver sich mit den immer perfekter werdenden Lügendetektoren in den Hirnen unserer Mitmenschen auseinandersetzen mussten. In diesem Sinne war die Lüge der Wetzstein, an dem sich unsere Intelligenz schärfte. Lange wurde das betrügerische Übervorteilen von Artgenossen für eine Besonderheit des Menschen gehalten. Dass Tiere der gleichen Spezies einander nicht betrügen, leitet sich ab aus der überholten Vorstellung, Artgenossen seien im Dienste des Gemeinwohles daran interessiert, einander zu informieren statt zu manipulieren. Erst die Natur der Menschen sei durch die Kultur soweit deformiert worden, dass allerlei negative Begleiterscheinungen auftraten – einschließlich unseres Hangs zur Täuschung.

Ein Großteil des Bruttosozialproduktes muss jedenfalls mittlerweile auf Betrugssicherung verwendet werden. Das fängt bei Schlössern, Bankkonten und Sicherheitsfäden in Geldscheinen an, geht weiter über Video-Überwachung und Fahrscheinkontrollen bis hin zu Vaterschaftstests und Passworten im Internet.

Betrug ist bereits in Affengesellschaften ein Problem

Wird sich der Empfänger der Fellpflege revanchieren? Betrug ist bereits in Affengesellschaften ein Problem (Photo: Volker Sommer)

Wer andere effektiv betrügen will, sollte in der Lage sein, sich in seine auserwählten Opfer hineinzuversetzen. Auch unsere nächsten Verwandten scheinen die Kunst des Gedankenlesens zu beherrschen. Aus Ostafrika wird berichtet, wie ein Schimpansen versteckte Bananen entdeckte. Als ein anderer Schimpanse auftauchte, lief der erste weiter und mimte Desinteresse. Der Neuling tat, als zöge er ab, versteckte sich aber hinter einem Baum. Nun begab sich der erste Schimpanse wieder zu den Leckerbissen. Doch der zweite war prompt zu Stelle, jagte den ersten fort und aß die Bananen selbst.

Das mentale Wettrüsten zwischen Täuschung und Gegentäuschung machte die Teilnehmer an diesem universalen Gesellschaftsspiel immer gerissener – wie etwa den Politiker Benso di Cavour. "Endlich habe ich es gelernt, die Diplomatie zu täuschen" – meinte der wegen seines Ränkespiels berüchtigte Italiener – "Ich sage die Wahrheit, und niemand glaubt sie mir." Derlei Ent-Täuschung mag uns unsympathisch erscheinen, denn wer wünschte sich nicht, dass die Mitmenschen in die Wahrheit verliebt wären? Allerdings hat die Fähigkeit zum betrügerischen Gedankenlesen auch eine Sonnenseite. Denn nur wer sich in seine Mitmenschen hineinversetzen kann, ist auch zu dem sympathischen Verhalten per se fähig: nämlich dem Mit-Leid. Auch deshalb ist es an der Zeit, endlich einmal ein herzhaftes "Lob der Lüge" auszusprechen.

Das Zoologische Museum ist am Vortragstag von 10.00 bis 12.00 Uhr geöffnet.

Rückfragen bitte an
Prof. Dr. Volker Storch oder Dr. Henner Hollert
Institut für Zoologie der Universität Heidelberg
Tel. 06221 545655 oder 545650, Fax 546162
volker.storch@urz.uni-heidelberg.de
henner.Hollert@urz.uni-heidelberg.de
web.zoo.uni-heidelberg.de/grenzen.htm

allgemeine Rückfragen von Journalisten auch an:
Dr. Michael Schwarz
Pressesprecher der Universität Heidelberg
Tel. 06221 542310, Fax 542317
michael.schwarz@rektorat.uni-heidelberg.de
http://www.uni-heidelberg.de/presse

und
Irene Thewalt
Pressestelle der Universität
Tel. 542311
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