18. November 2002
Der "Nadelmann": Mehr als 40.000 Spritzen in 40 Jahren
Wie ein Patient die Folgen einer Schilddrüsenoperation erträgt und endlich
auf Tabletten umgestellt wird
Mehr als 40.000 Spritzen in 40 Jahren musste ein Patient über sich ergehen
lassen, bevor er auf die völlig ausreichende Einnahme der Medikamente als
Tabletten umgestellt wurde. Über das Schicksal des "Nadelmannes" berichtet
Dr. Stefan Schiekofer von der Abteilung für Endokrinologie und Stoffwechsel
der Medizinischen Universitätsklinik Heidelberg in der "Deutschen
Medizinischen Wochenschrift" vom 15. November. "Wir haben diesen Fall
veröffentlicht, um zu zeigen, wie schlecht es heute nach wie vor um die
Ausbildung der Ärzte in der Therapie von Hormonstörungen bestellt ist", sagt
Prof. Dr. Peter Nawroth, Ärztlicher Direktor der Abteilung.
Eine Schilddrüsenoperation vor 40 Jahren hatte fatale Folgen für den
"Nadelmann": Seine Nebenschilddrüsen waren versehentlich entfernt oder stark
beschädigt worden. Da das Parathormon dieser kleinen Drüsen essentiell für
die Aufnahme von Kalzium ist, musste dem Patienten Kalzium zugeführt werden,
um schwere Krämpfe und Herzprobleme zu vermeiden. Der Patient bekam mehrfach
wöchentlich, mitunter täglich, Kalzium ins Blut gespritzt. Keiner der
insgesamt 15 Ärzte, zehn Hausärzte und fünf Notärzte, die ihn im Laufe von
40 Jahre behandelten, kam je auf die Idee, ihn auf Tabletten umzustellen,
obwohl sein Kalziumspiegel immer wieder gefährlich abrutschte.
Erst seine eigene Initiative beendete das Martyrium des "Nadelmannes". Da er
sich trotz intensiver Therapie nicht wohlfühlte, suchte er im Internet nach
Alternativen, bis er das Therapieangebot der Heidelberger Universitätsklinik
für Patienten mit seiner Hormonstörung, dem "Hypoparathyreoidismus",
entdeckte. Dort wurde er erfolgreich auf je eine Tablette Kalzium und
Vitamin D umgestellt, das die Aufnahme und Wirkung des Kalziums verbessert,
und hat heute keine Beschwerden mehr. Allerdings haben sich bereits
Spätfolgen der falschen Therapie eingestellt. Kalk hat begonnen sich im
Gehirn, den Nieren und der Augenlinse einzulagern. Glück im Unglück:
Schwerwiegende psychiatrische Symptome aufgrund der Kalzium-Ablagerungen im
Gehirn sind dem "Nadelmann" erspart geblieben. Auch seine Venen haben die
zahlreichen Stiche überstanden.
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Rubrik Kasuistiken.
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Dr. Michael Schwarz
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Updated:
18.11.2002