Zentralarchiv
zur Erforschung der Geschichte der Juden in Deutschland
Bestände:Verschiedenes
Bestand B. 3/71
ספר
עברונות
Einleitende Bemerkungen
1987 kaufte das damals neu eingerichtete Zentralarchiv im
Antiquariatshandel ein Exemplar des im jüdischen Jahr 5482 (1721/22) bei dem
Offenbacher Drucker Bonaventura de Launoy [1]
neu aufgelegten Sefer ewronot(deutsch etwa: Buch der Einschaltungen). [2]
Traditionell wird die Autorenschaft dieses Werkes dem Herausgeber der
LublinerDruckausgabe von 1615 Elieser ben Jakob Belin Aschkenasi zugeschrieben.
Heute geht man jedoch davon aus, dass es sich bei den Sifrei ewronot um
Traditionstexte handelt, die weit vor der Erfindung des Buchdrucks entstanden
sind und im Laufe der Jahrhunderte immer wieder kopiert, ergänzt und
modifiziert wurden, so dass von einem Autor hier ebenso wenig gesprochen werden
kann wie etwa bei Gebetbüchern oder der Pessach-Haggada. [3]
Auf dem Titelblatt des Offenbacher Drucks wird erwähnt, dass der Text eine
Kopie der Druckausgabe von Elieser Belin ist, die im Anhang durch das Buch Noten
jeschua (deutsch etwa: Spender von Hilfe, Wortspiel mit dem Namen des
Vaters des Autoren) von Meir ben Nathan Jehoschua Sofer von Hammelburg ergänzt
wurde. Gesetzt wurde der Text von Israel ben Mosche, wie man ebenfalls dem
Titelblatt entnehmen kann.
Der Wert unseres Exemplars ist weniger in dem Druckwerk
an sich zu sehen, schließlich waren verlässliche Einführungen in die
Kalenderberechnung die nötige Voraussetzung für die Berechnung von Feiertagen
und somit auch Teil der Ausbildung an Jeschiwot (Talmudschulen) weshalb ein
gewisser Markt für solche Druckwerke immer vorhanden war und sie heute dementsprechend
häufig im Antiquariatshandel angeboten werden. Historisch interessante
Informationen finden sich neben Eigentümervermerken und Federproben in dem
Druckwerk selbst vor allem in einer angebundenen Lage, die neben ergänzenden
kalendarischen Texten, Tabellen und Schaubildern auch Eigentümervermerke,
Sprüche und Zeichnungen enthält. Aus diesen Vermerken geht hervor, dass das
Buch spätestens seit 1749 im Besitz von Studenten der Jeschiwa zu Fürth war
(namentlich Männlein Simon aus Dormitz und Wolff Michel Katz/Cohn aus
Baiersdorf). Die Fürther Jeschiwa gehörte in der frühen Neuzeit zu den
bedeutenden rabbinischen Lehrstätten. [4]
Das Buch zeigt leichten Wurmfraß und Gebrauchsspuren. Der
Buchblock war zeitgenössisch um eine Lage mit sechs in der Mitte gefalteten
Papierbögen für handschriftliche Ergänzungen erweitert worden. Ein Bogen wurde
zur Hälfte herausgeschnitten, so dass statt der ursprünglichen zwölf nur noch
elf Blatt erhalten sind. Eine Volvelle (Drehscheibe), die ursprünglich an einem
schmalen Papierstreifen zwischen Blatt 36 und 37 eingebunden gewesen war, wurde
zum Gebrauch abgetrennt und später auf Blatt 26r am äußeren
Seitenrand angeklebt. Der schwarze Leineneinband und die Vorsatzblätter sind
modern. Im Jahr 2010 wurde der Einband des Buches durch die Firma Schempp
Bestandserhaltung GmbH aus Kornwestheim gereinigt.
Das Buch erhielt beim Ankauf die
Bibliotheks-Inventarnummer 87/77. Der Umzug des Zentralarchivs in den Neubau
der Hochschule für Jüdische Studien im Herbst 2010 brachte eine öffentlich
zugängliche Aufstellung der Dienstbibliothek im Untergeschoss der
Hochschulbibliothek mit sich. Der materielle Wert des Buches sprach gegen eine
offene Aufstellung. Die Anbringung eines elektronischen Tags in festem Verbund
mit dem Einband verbot sich aus bibliophilen wie konservatorischen Gründen.
Deshalb wurde im April 2012 beschlossen, das Sefer ewronot der
Bibliothek zu entnehmen und als Archivbestand zu magazinieren.
Heidelberg, im April 2012
Monika Preuß
Titelaufnahme und Beschreibung des Buches
ספר עברונות.
והוא יורה
לגמולי חלב
ועתיקי שדים
ולנבונים יתן
חן ובישישים
חכמה בחורים
וזקני' יחדיו
לחשוב תקופו'
ומולדי' והיא
חכמת כם ובינתכם.
מועתק
מהחיבור של
הח''ר אליעזר
בלין אשכנזי
שנדפס כבר
ועתה נתחדש
ביופי נייר ואותיות
נאות וציורי'
נאים עם
קונטריס
בסופו ע''י
האלוף התורני
ה''ה הר''ר מאיר
בהר''ר נתן
יהושע כסת''ס
ז''ל מגולה
המלבורג
בעתה אחישנה
לפק
פה קק אופי
באך
ע''י המדפיס
האלוף הר''ר
ישראל בן הר''ר
משה יצ''ו
נדפס האדון
באנע פענטורא
דע לא נאיי
Übersetzung der wesentlichen Titelbestandteile:
Buch der Einschaltungen. […]Kopiert aus dem Buch des
[…] Elieser Belin Aschkenasi […]. Mit einem Heft am Ende von […] Meir ben […]
Nathan Jehoschua […] aus […] Hammelburg. [1721/22] hier in der heiligen Gemeinde
Offenbach, durch den Drucker […] Israel ben […] Mosche. Gedruckt [… von] Bone
Fentura de la Noy.
Eigentümervermerke:
1. Titelblatt:[...]כ' וואלף
בן כמ'ר מיכל
כץ מפ'ד [...] ר'
וואלף כץ[...][= Herr Wolf Sohn des verehrten Herrn, Herrn Michel Katz aus Baiersdorf;
Herr Wolf Katz].
2. Blatt [15r] Federprobe: וואלף בן כמ'ר
מיכל כץ
מפייארש דארף [Wolf Sohn des verehrten Herrn,
Herrn Michel Katz aus Baiersdorf].
3. Angebundene Lage [Blatt 1r]: dießes Buch gehert den Juden
stutendt mänlein tormitz wolff beyersdorff deromahlen zur stutio Jn
fürth Beÿ nurnberg […] dießes buch gehert mänlein Juden stutendt Jn fürth
geböhrtig Jn tormitz beÿ Erlangen; [Blatt 1v]: dießes Buch gehert dem Juden
Studend Männlein Simon Wolff Michel Cohen von dormitz jezo auff dero
Stutia zu fürth so geschehen den 13ten Febr. 1750.
Randglossen:
Blatt 21r+v
Volvelle
(Drehscheibe):
Die Volvelle (Drehscheibe), die ursprünglich an einem schmalen
Papierstreifen zwischen Blatt 36 und 37 eingebunden war, findet sich auf Blatt
26r am äußeren Seitenrand angeklebt.
Datierungen:
1. Angebundene Lage [Blatt 1v]: Auf den 13. Februar 1750
datierter Eigentümervermerk des Männlein Simon aus Dormitz (heute: Dormitz,
Landkreis Forchheim, Regierungsbezirk Oberfranken).
2. Angebundene Lage [Blatt 8v]: Zeichnung u.a. mit Darstellung eines
Chanukka-Leuchters, datiert auf Montag, 28. Kislew 510 (= 08. Dezember 1749).
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[1] Auf dem
Titelblatt in der Namensvariante באנע
פענטורא דע לא
נאיי (= Bone
Fentura de La Noy) angegeben. Es lässt sich nicht mit Bestimmtheit sagen, ob
das Buch bei Bonaventura de Launoy dem Vater (gest. 23.11.1721) oder seinem
gleichnamigen Sohn gedruckt worden ist. In der Liste der Drucke des älteren de
Launoy bei Hans-Jürgen Schrader, Literaturproduktion und Büchermarkt des
radikalen Pietismus, Göttingen 1989, S. 141-158 ist das Sefer ewronot
nicht aufgeführt. Der Hinweis, dass die Druckerei durch den gleichnamigen Sohn
weitergeführt wurde s. ebd., S. 157. Auch Christoph Reske, Die Buchdrucker
des 16. und 17. Jahrhunderts im deutschen Sprachgebiet, Wiesbaden 2007,
S. 754 f bietet keine weiterführenden Informationen.
[2] Auf www.hebrewbooks.org/45049 ist der
Offenbacher Druck des Sefer ewronot als Digitalisat einsehbar.
[3] Zum
Charakter der Sifrei ewronot und dem Konstrukt der Autorenschaft Elieser
Belins s. Elisheva Carlebach, Palaces of Time. Jewish
Calendar and Culture in Early Modern Europe,
Cambridge, Mass. 2011, S. 55.
[4] Eine kartographische Übersicht über die Besetzung von Rabbinaten mit
Fürther Jeschiwa-Absolventen s. in Bernward Deneke (Hg.), Siehe, der Stein
schreit aus der Mauer. Geschichte und Kultur der Juden in Bayern; eine
Ausstellung veranstaltet vom Germanischen Nationalmuseum und vom Haus der
Bayerischen Geschichte, Nürnberg 1988, S. 262.