Zentralarchiv zur Erforschung der Geschichte der Juden in Deutschland:
Bestände: Verschiedenes: Materialsammlung Hobohm:
Bestand B. 3/52

 

Vorwort

 

Im Herbst 2004 übergab Dr. Jens Carstensen aus Oldenburg dem Zentralarchiv einige Unterlagen aus dem ersten Viertel des 20. Jahrhunderts, die in zwei Archiv-Kartons Platz fanden. Mit Ausnahme einiger weniger Papiere, die von Carstensen selbst hinzugefügt worden waren (siehe im Verzeichnis unter Sonstiges), stammt das Schriftgut ursprünglich von Prof. Dr. Martin Hobohm. Carstensen hat die Materialien während seiner Studienzeit in Freiburg auf dem Dachboden eines Hauses gefunden, teilweise umgepackt und seitdem verwahrt.

 

Hobohm (1883-1942) war Archivrat am Reichsarchiv Potsdam und a. o. Professor für Geschichte an der Universität Berlin. Er gehörte nach dem Ersten Weltkrieg dem Parlamentarischen Untersuchungsausschuss an, der die „Ursachen des Deutschen Zusammenbruchs im Jahr 1918“ aufklären sollte. Hobohm, der selbst kein Jude war, vertrat die Meinung, dass nicht vermeintliche Feigheit der Juden, wie damals immer wieder vorgebracht wurde, die Kriegsniederlage verschuldet habe. Vielmehr war er umgekehrt bemüht, anhand authentischer Quellen den Nachweis ihres besonderen Engagements und ihrer vaterländischen Gesinnung zu führen. In diesem Sinne veröffentlichte er mehrere Artikel in der CV-Zeitung, dem Publikationsorgan des Centralvereins Deutscher Staatsbürger Jüdischen Glaubens (= CV).

 

Eine nähere Betrachtung der überlieferten Materialien legt die Vermutung nahe, dass Hobohm damals dabei war, eine größere Studie zur Judenfrage im Ersten Weltkrieg vorzubereiten, für die er die arbeitstechnische Abkürzung Ms.199 verwendete, mit der er immer wieder die zusammengetragenen Materialien gekennzeichnet hat. Die über mehrere Zwischenstationen schließlich ins Heidelberger Zentralarchiv gelangten Unterlagen stellen wahrscheinlich nur einen geringen Teil der ursprünglichen Sammlung von Quellen und Entwürfen dar. Es liegt auch kein Manuskript des geplanten Werks Ms. 199 dabei. Vorhanden sind lediglich Abschriften aus Kriegsakten des CV,  Notizen, Auswertung von Literatur und Presse sowie eigene kleine Aufsätze („Vergrabene Schätze“, „Drückeberger“), die den Charakter von Vorstudien besaßen und in der CV Zeitung veröffentlicht worden sind. Manchmal befindet sich auch noch etwas Korrespondenz dabei, etwa mit Herausgebern der Zeitschriften oder auch Leserbriefe. Keine der bekannten Publikationen von Hobohm kann mit dem vermuteten groß angelegten Projekt Ms.199 identifiziert werden. Möglicherweise wurde Ms.199 nie zu einem Abschluß gebracht.

 

Zu den wichtigsten Bestandteilen der Materialsammlung gehören die Abschriften aus den Kriegsakten des CV. Das hängt nicht nur mit dem eigentlichen Gehalt, sondern mehr noch mit der Überlieferungssituation dieser CV-Akten zusammen. Einstweilen sieht es so aus als ob die Originale, von denen Hobohm Abschriften erhalten hat, nicht mehr vorhanden sind. Der umfangreiche CV-Bestand im Moskauer Sonderarchiv (heute eine Abteilung des russischen Militärarchivs) enthält nur diejenigen Akten, die von den NS-Behörden 1938 im Berliner Büro des CV beschlagnahmt wurden. Das ältere Registraturgut von der Gründung des CV im Jahr 1893 bis etwa 1924 hatte der CV jedoch kurz zuvor dem Gesamtarchiv der deutschen Juden als Depositum übergeben. Die Originale der 1914-1918 entstandenen Weltkriegsakten sind aus diesem Grund also nicht in Moskau zu vermuten. Aber auch an den Orten, an denen heute die Bestände des Gesamtarchivs verwahrt werden, also in Berlin und Jerusalem, ist kaum noch mit diesen Originalen zu rechnen. Der israelische Historiker Avraham Barkai, der nach der Öffnung des Moskauer Sonderarchivs eine Monographie über den CV geschrieben hat, berichtet, dass die Suche nach den älteren CV-Beständen, also jenen, die Mitte der 30er Jahre im Gesamtarchiv deponiert worden waren, sowohl im Berliner Centrum Judaicum als auch in den Central Archives Jerusalem ergebnislos verlaufen ist. (1) Der größte Teil der CV-Akten aus der Zeit vor 1924 muß deshalb heute als verloren gelten. Nur Einzelstücke und Akten der Zweigstellen des CV in der Provinz sind erhalten geblieben. Die älteren Akten des Berliner Zentralbüros jedoch sind spurlos verschwunden. Das heißt, dass die zusammen mit den Hobohm Materialien überlieferten CV-Abschriften an die Stelle der verlorenen Originale treten.

 

Heidelberg, im Juni 2006

Elijahu Tarantul

 

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(1) Avraham Barkai: The C.V. and its Archives. A Reassessment. In: Leo Baeck Institute Year Book 2000, S. 173-182, insbes. S. 176.

 


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