Zentralarchiv zur Erforschung der Geschichte der Juden in Deutschland
Bestände: Verschiedenes: Barissia

Bestand B. 3/58

Vorwort

Im Jahr 2006 übergab die Kölner Bibliothek zur Geschichte des deutschen Judentums „Germania Judaica“ dem Zentralarchiv zwei Konvolute mit Unterlagen der Prager Studentenverbindung „Barissia“. Von wem diese Unterlagen an die Bibliothek abgegeben worden waren, konnte dort nicht mehr rekonstruiert werden. Nach Verzeichnung der Unterlagen im Zentralarchiv im Jahr 2015 weisen einige Indizien auf Moshe Tavor als Donator der Unterlagen hin: Mehrmals taucht der Name Tavors auf den Adressfeldern der per Post verschickten Mitteilungsblätter auf. Die maschinenschriftlichen Manuskripte, die sich in den Konvoluten befinden, sind mit dem Autorennamen „Roch“ versehen. Roch war der Couleurname von Moshe Tavor, wie aus den Adresslisten der „Barissia“ hervorgeht, in denen nach dem bürgerlichen auch der verbindungsinterne Couleurname aufgeführt wird. Einen Zusammenhang mit Köln ergibt sich aus der Tätigkeit Tavors bei der Israel-Mission, die ihren Sitz in Köln hatte.

Moshe Tavor wurde am 29. Juni 1903 in Olmütz/Mähren als Fritz Tauber geboren. Er erwarb einen Dr. jur. und arbeitete von 1933 bis 1939 als Rechtsanwalt. Daneben war er journalistisch tätig und engagierte sich in zionistischen Vereinen und Organisationen. 1939 gelang ihm die Flucht nach Palästina, wo er seine journalistischen Neigungen zu seinem Brotberuf machte. 1957 bis 1960 und wieder zwischen 1963 und 1966 war Tavor Presseattaché der Israel-Mission in Köln. Seit 1966 arbeitete er als Korrespondent der Frankfurter Allgemeinen Zeitung. Am 21. Dezember 1978 ist Moshe Tavor in Jerusalem gestorben.

Bei den hier verzeichneten Unterlagen handelt es sich überwiegend um Mitteilungsblätter der Jüdisch Akademischen Verbindung „Barissia“, die zwischen 1945 und 1962 in Tel Aviv bzw. Haifa herausgegeben wurden. Lediglich ein älteres Heft aus dem Jahr 1935, das noch in der Tschechoslowakei erschienen ist, ist vorhanden. Daneben finden sich wenige Protokolle von Conventen in Haifa und Tel Aviv, Rundschreiben, Adresslisten, Manuskripte und Vermischtes. Die unter Nr. 40 im vorliegenden Verzeichnis aufgeführten Schriftstücke aus dem Jahr 1985 fallen zeitlich und inhaltlich aus dem Rahmen des restlichen Materials heraus. Sie beziehen sich u. a. auf das Besuchsprogramm eines kanadischen Journalisten, der 1985 eine Reise durch Deutschland machte und dabei auch die „Germania Judaica“ besucht hat. Hier ist auch ein Lebenslauf Moshe Tavors abgelegt, der nach seinem Tod zusammengestellt worden ist.

Die „Barissia“ entstand 1903 als Sektion der jüdischen Studentenverbindung „Bar Kochba“ in Prag. Die Verbindung war zionistisch eingestellt. Die Barissen lehnten sich in ihren zeremoniellen Handlungen jedoch an die Vorbilder deutscher schlagender Verbindungen an: Sie trugen Farben, pflegten die Fechtkunst, die Mensur, also einen rituellen Fechtkampf, und die sogenannte Kneipe, eine studentische Feier mit festgelegtem zeremoniellen Ablauf. Auch war Deutsch Umgangssprache unter den Barissen, während die Mitglieder der Studentenverbindung Bar Kochba dezidiert deutsch-tschechisch orientiert waren und die Rituale der deutschen Studentenverbindungen tendenziell eher als Provokation denn als Rollenvorbild sahen. Infolgedessen erhob der Generalkonvent der „Bar Kochba“ im Februar 1904 Protest gegen eine schlagende, zionistische Verbindung und verbot seinen Mitgliedern die Zugehörigkeit zu einer solchen, woraufhin die Barissen sich abspalteten und als eigenständige Verbindung etablierten. [1]

In den Jahren nach dem Münchner Abkommen 1935 gelang es einigen Barissen nach Palästina zu fliehen. Von denen, die zurückblieben, haben nur wenige die Konzentrations- und Vernichtungslager überlebt.

Nach Ende des Zweiten Weltkrieges belebten die in Palästina wohnenden Barissen das Verbindungsleben wieder. Sie zogen Erkundigungen über das Schicksal ihrer in Europa zurückgebliebenen Verbindungsbrüder ein, erstellten ein Adressverzeichnis ihrer Mitglieder in aller Welt und trafen wieder regelmäßig zu Conventen in Tel Aviv und Haifa zusammen. Sie gaben bereits im Sommer 1945 wieder ein Mitteilungsblatt (das Heft firmierte unter wechselnden Bezeichnungen) heraus, das auf Deutsch erschienen ist. Das Verbindungsleben beschränkte sich allerdings auf die Alten Herren, da kein Nachwuchs mehr rekrutiert wurde.

Die archivalische Überlieferung der beiden Verbindungen „Bar Kochba“ und „Barissia“ aus Prag-später Israel für die Jahre 1906 bis 1975 befindet sich in den Central Zionist Archives in Jerusalem unter der Bestandssignatur A317.

Der Bestand B. 3/58 (Barissia) umfasst 40 Nummern mit insgesamt ca. 0,07 lfd. m. Er wurde im Juli 2015 durch Dr. Monika Preuß verzeichnet. Es bestehen keine Benutzungsbeschränkungen.

Heidelberg, im Juli 2015

[1] Das Vorangegangene stützt sich auf die Darstellung der Verbindungen „Bar Kochba“ und „Barissia“ bei Dimitry Shumsky:
      Zweisprachigkeit und binationale Idee. Der Prager Zionismus 1900-1930, Göttingen 2013, S. 117-126.

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