Zentralarchiv zur Erforschung der Geschichte der Juden in Deutschland:
Bestände: Personen: Sophie Cohen Nachlaß:

Einführung

Robert Steger
Sämtliche Akten stammen von dem Bankier Robert Steger aus Frankfurt am Main. Er bearbeitete während der Jahre 1928-1938 in seiner doppelten Eigenschaft als Bankier und späterer Mittestamentsvollstrecker die Nachlässe der Frankfurter Familie Cohen. Über die Person Robert Stegers ist aus den Schriftstücken kaum etwas zu erfahren. Steger war Mitinhaber der Firma Moriz Stiebel Söhne, bei der es sich um ein Bankgeschäft in Frankfurt gehandelt haben dürfte. Ein Bruder von Robert Steger, der ihn in der Angelegenheit Cohen gelegentlich vertrat, scheint auch für diese Firma gearbeitet zu haben. Seit wann Steger für die Familie Cohen tätig war, ist nicht genau zu bestimmen. Vermutlich noch nicht beim Tod von Eduard Cohen (gest. 1910), jedoch nachweislich (s. Nr. 2) bereits kurz vor dem Ableben von dessen Witwe Ida Cohen (gest. 1930). Besonders intensiv hat er sich dann um die Nachlässe von Ida und deren Tochter Sophie Cohen (gest. 1933) gekümmert. Rechtsberatung in Nachlaßangelegenheiten erhielt Steger von der Frankfurter Kanzleigemeinschaft Dr. Eduard Baerwald, Justizrat Adolf Fuld und Dr. Rudolf Geiger.

Familie Cohen und Verwandte
Eduard Cohen
, 1838 in Hannover geboren, lebte als Kunstmaler in Frankfurt am Main. Über seine Schwester Ella, verheiratete Oppler, ist aus den Akten nur zu erfahren, daß sie drei Söhne hatte, die zu den Erben von Eduard Cohen gehörten. Einer der Söhne, Sigmund Oppler, war Rechtsanwalt und wirkte verschiedentlich beratend an der Bearbeitung der Nachlässe mit.
1876 heiratete Eduard Cohen die gebürtige Amerikanerin Ida Kuhn. Der Nachlaß ihres Vaters, Abraham Kuhn, wird in den Akten nur im Zusammenhang mit der Abraham-Kuhn'schen Verwaltung erwähnt. Das aus den Testamentsvollstreckern (Paul Dreyfus de Günzburg, Dr. Hans Giesker, Dr. L. Peyer-Reinhart und Justizrat Adolf Fuld) Abraham Kuhns zusammengesetzte Gremium hatte den Rest des Vermögens, das auf Grund von noch zu zahlenden Erbschaftssteuern zurückbehalten wurde, zu verwalten. Die in den Unterlagen vorhandenen Gemäldelisten (s. Nr 3, 4, 9) lassen vermuten, daß Abraham Kuhn Kunstsammler war. Nach seinem Tod 1892 gingen die meisten seiner Gemälde in den Besitz von Eduard Cohen über.
Bezüglich Ida Cohens Schwester, Emilie Kuhn, ist aus den Akten nur ersichtlich, daß sie 1920 in Zürich gestorben ist. Von der Mutter der beiden ist nichts zu erfahren. Auch nicht warum der Vater und die Töchter die USA verließen. Ida Cohen gründete 1912 nach dem Tod ihres Ehemanns (1910) die Cohen-Kuhn'sche Stiftung für wohltätige Zwecke in Frankfurt am Main, zu deren Vorstand u.a. Dr. Eduard Baerwald und später Robert Steger gehörten. Seit 1939 verwaltete der Rechtsanwalt Dr. Rudolf Geiger den Schriftverkehr der Stiftung. (1)
Ida und Eduard Cohen hatten zwei Töchter, Sophie (geb. 1878) und Emilie (geb. 1877). Emilie (Mimi) heiratete 1903 Prof. Dr. Ludwig Borchardt; seit 1907 lebte sie mit ihrem Mann in Kairo. Borchardt war Ägyptologe und Direktor des Deutschen Instituts für Ägyptische Altertumskunde in Kairo (2). Kinder hatten sie anscheinend nicht, allerdings erwähnt Emilie in einem Brief, daß ihre "Tochter" (von ihr selbst in Anführungszeichen gesetzt) zu Besuch käme.
Sophie Cohen blieb unverheiratet, hatte sich jedoch 1917 mit Georg Plotke verlobt, der dann vermutlich im Ersten Weltkrieg gefallen ist. Sophie Cohen lebte im elterlichen Haus in Frankfurt a.M., Feuerbachstraße 14. Zeitweilig wohnte auch ihre Freundin Elisabeth Schmitt bei ihr. Finanziell unabhängig, kümmerte Sophie Cohen sich viel um Spenden und um weniger bemittelte Freunde (s. Nr. 8, Bl. 85). Außerdem trat sie für die Anrede "Frau" statt "Fräulein" ein. Sie hinterließ ein Vermögen von mehreren Millionen Reichsmark.

Zu den Nachlässen und der Methode ihrer Verzeichnung
Die hier verzeichneten Akten aus dem Büro Steger beinhalten Schriftgut zu den Nachlässen von Eduard Cohen, Ida Cohen und Sophie Cohen. Sie wurden hier chronologisch geordnet, d.h. Eduard Cohen steht an erster Stelle, dann seine Frau Ida und schließlich Sophie Cohen, deren Nachlaß die meisten Akten umfaßt. Zu Eduard Cohen ist nur eine Akte vorhanden, die aus den Jahren 1936-1938 stammt. D.h., fast dreißig Jahre nach seinem Tod war die Bearbeitung seines Nachlasses noch nicht abgeschlossen. Dokumente, die den Nachlaß von Eduard Cohen betreffen, sind jedoch auch in anderen Akten zu finden, was teilweise im Verzeichnis erwähnt wird (siehe etwa Nr. 46). Die Größe seines Vermögens ist aus den überlieferten Akten nicht zu entnehmen. Zu der Erbschaft gehörten jedenfalls auch einige Sachwerte wie die Villa in der Feuerbachstraße und seine Gemäldesammlung.
Die Unterlagen im Zusammenhang mit der Bearbeitung des Ida Cohen Nachlasses umfaßt fünf Akten aus den Jahren 1928-1934. Die erste beginnt schon zu Lebzeiten Ida Cohens und beinhaltet Korrespondenz zu finanziellen Angelegenheiten. Die folgenden Akten bestehen aus Schriftgut zur Auflösung ihrer Konten und Verteilung der Erbschaft. Probleme bei der Bearbeitung ihres Nachlasses ergaben sich vor allem durch Vermögenswerte in den USA (s. Nr. 2), deren Freigabe sich verzögerte.
Von der Bearbeitung des Sophie Cohen Nachlasses sind insgesamt vierzig Akten überliefert. Auf Grund dieses Umfangs wurde bei der Verzeichnung eine thematische Gliederung vorgenommen. Am Anfang stehen Akten mit Schriftstücken, die den Nachlaß nach dem Tode Sophie Cohens einleiteten. Danach folgen die Vermögenswerte, wozu zum Beispiel die Korrespondenz über Gemäldeangelegenheiten gezählt wurde. Hypotheken stehen als ein eigener Themenbereich, da Steger sie schon von den anderen Vermögenswerten getrennt hatte. Die Personen und Institutionen, die von Sophie Cohen etwas erbten, wurden zusammengefaßt unter dem Begriff Vermächtnisnehmer (3). Der Kategorie Banken und Finanzen wurden der Schriftverkehr mit diversen Banken zugeordnet, sowie jegliche Angelegenheiten, die mit Geldern zu tun haben, wie Kursblätter oder Rechnungen. Zuletzt kommen die Oberbegriffe Behörden, Anwälte und Verschiedenes. Unter den Anwälten sind nicht nur solche zu finden, die direkt beauftragt wurden, für die Nachlaßverwaltung zu arbeiten, sondern auch Sigmund Oppler, der einerseits zu den Erben gehörte, andererseits aber in seiner Eigenschaft als Rechtsanwalt auch beratend bei der Lösung juristischer Probleme mitwirkte.

Neben Robert Steger gehörte auch das Ehepaar Borchardt zu den Testamentsvollstreckern von Sophie Cohen. Da Borchardts jedoch im Ausland lebten, wurde die Korrespondenz in der Nachlaßangelegenheit überwiegend von Steger geführt. Ist im Verzeichnis nicht ausdrücklich etwas anders vermerkt, handelt es sich stets um Akten oder Korrespondenzen Stegers, ohne daß dieser Name in jedem einzelnen Fall erneut erwähnt wird. Die Akten zu den Hypotheken enthalten meist Korrespondenzen zwischen Steger und Justizrat Adolf Fuld.
Zu allen im Verzeichnis erwähnten Personen wurden in einer besonderen Aufstellung kurze Erläuterungen gegeben. Dabei ist insbesondere versucht worden, die Beziehung der jeweiligen Personen zu den Vermächtnisgebern aufzuklären. Die festgehaltenen Informationen sind in der Regel den Akten selbst entnommen worden.

Heidelberg, im Oktober 1999
Janne Klügling

Anmerkungen

(1) Jüdische Stiftungen in Frankfurt am Main, hrsg. v. Arno Lustiger, Frankfurt a.M. 1994, S.102.

(2) Dokumente zur Geschichte der Frankfurter Juden 1933-1945, hrsg. v. der Kommission zur Erforschung der Geschichte der Frankfurter Juden, Frankfurt a.M. 1963, S. 541.

(3) Die Konvolute mit den Bestellnummern 20-31 waren ursprünglich in einer Mappe zusammengefaßt, die mit der Aufschrift "Erben und Legatare" versehen war.

 


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