Zentralarchiv zur Erforschung der Geschichte der Juden in Deutschland: 
Bestände: Personen: Ballin:

Gerhard Ballin, eine kurze Lebensbeschreibung

Gerhard Ballin wurde am 25. April 1922 in Göttingen geboren und wuchs in Seesen am Harz auf. Er war der erste Sohn Kurt Ballins (geb. 1880) mit seiner zweiten Frau Ella Bruch (geb. 1888). Der Vater entstammte der jüdischen Familie Ballin, hatte sich aber vor der Hochzeit mit seiner ersten Frau taufen lassen. Eine Verwandtschaft zur Hamburger Reederfamilie Ballin besteht nicht. Die Mutter entstammte der christlichen Familie Bruch. Gerhard wurde wie sein älterer Bruder Günther (geb. 1917 in der ersten Ehe des Vaters mit Alice Bruch, der Schwester von Ella Bruch) und sein jüngerer Bruder Jochen (geb. 1925) getauft und protestantisch erzogen. Bereits 1927 starb sein Vater, Gerhard Ballin war gerade fünf Jahre alt. Aus Briefen geht hervor, daß er als Kind von seinem Vater nur sehr wenig über den jüdischen Glauben und die jüdischen Bräuche erfahren hat. Vielleicht ist dies einer der Gründe, neben der sich abzeichnenden Verfolgung seiner Verwandtschaft Ballin, die ihn schon als Jugendlichen in den Jahren 1937/38 zur Beschäftigung mit der Genealogie brachten. Ein weiterer Anstoß war sicherlich auch das Vorhandensein einer Familiengeschichte, die Gerhards Onkel Oskar Ballin 1913 veröffentlicht hatte. Im Laufe der Jahre konnte Gerhard Ballin einige der in dieser Schrift enthaltenen Fehler korrigieren. Seit 1938 korrespondierte er mit Dr. Walther Meyer aus Hannover, Enkel des hannoverschen Landrabbiners Samuel Ephraim Meyer. Dr. Walther Meyer wurde während der NS-Zeit verfolgt, emigrierte nach Luxemburg und Belgien und mußte zwei Jahre versteckt leben, so daß der (fast vollständig im vorliegenden Bestand enthaltene) Briefwechsel für einige Jahre unterbrochen und erst 1947 wieder aufgenommen wurde (siehe vor allem Nr. 124-127). Gerhard Ballin beschäftigte sich weiterhin mit Genealogie und entwickelte dabei einen solchen Eifer, daß er sogar noch 1944 eine genealogische Anfrage an das sogenannte "Reichssippenamt" richtete und auch Auskunft bekam (siehe Nr. 141, Bl. 36). Des weiteren besuchte er in den vierziger Jahren jüdische Friedhöfe, wobei er einmal knapp einer Verhaftung entging.

Kurz vor dem Krieg begann er eine Tischlerlehre und konnte bis 1943 in Seesen bleiben. Ab 1943 wurde er nach Hannover als Tischler zur Reparatur von Bombenschäden verpflichtet. Sein älterer Bruder Günther wurde in ein "Operation Todt"-Lager in Frankreich gebracht, konnte aber nach der Landung der Alliierten nach Seesen fliehen, wo er von Beamten des Arbeitsamtes bis zum Ende des Krieges geschützt wurde. In den letzten Wochen befürchteten die Brüder noch eine Verhaftung und Verschleppung in ein Konzentrationslager, sie überstanden diese Wochen aber ohne weitere Verfolgung. Die meisten der jüdischen Verwandten der väterlichen Seite dagegen litten unter der nationalsozialistischen Verfolgung: viele wanderten frühzeitig aus, diejenigen, die in Deutschland blieben, kamen in Konzentrationslagern oder bei Luftangriffen um oder nahmen sich selbst das Leben.

Bei Kriegsende wurde das Ballinsche Elternhaus in Seesen von den Alliierten beschlagnahmt bei "gleichzeitiger Einbuße eines guten Teils unserer Habe" (siehe Nr. 125, Bl. 86), Mutter und Brüder mußten in der Stadt kleine Zimmer anmieten oder sich bei Bekannten einquartieren. Einige Monate später, im Herbst 1945, starb Ballins Mutter Ella, Gerhard Ballin war bei ihrem Tod erst 23 Jahre alt. Damit waren die Brüder endgültig auf eigene Füße gestellt. Für sie begann beruflich und damit finanziell eine schwierige Zeit; Gerhard dachte trotz Anstellung in einer Tischlerei kurzzeitig sogar an Auswanderung. 1947 nahm Dr. Walther Meyer wieder den Briefkontakt zu ihm auf und ließ sich noch im selben Jahr als Rechtsanwalt und Notar in Bad Pyrmont nieder. Im Februar 1949 heiratete Gerhard Ballin die Belgierin Eveline, die er während seiner Ausquartierung aus dem Elternhaus kennengelernt hatte. Sie brachte ihre vierjährige Tochter Renate aus erster Ehe mit in die neue Verbindung. Die kleine Familie zog zurück in Ballins Elternhaus, in dessen ehemaligem Gärtnerhaus bereits der ältere Bruder Günther mit seiner Frau lebte. Der jüngere Bruder Jochen hatte inzwischen in einer zweiten Ausbildung den Beruf des Schauspielers erlernt und lebt seit 1949 in Heidelberg, wo er das Zimmertheater mitbegründete.

Gerhard und Eveline Ballin eröffneten zunächst ein Laufmaschenreparaturgeschäft, das 1953 zu einem Strumpfwarengeschäft erweitert wurde. Bis 1957 hatte sich dieses Geschäft jedoch nicht so günstig entwickelt wie erhofft, so daß Gerhard eine zusätzliche Beschäftigung in einer Eisenwarenfabrik in Seesen aufnahm, um die Familie finanziell besserzustellen. 1962 baute das Ehepaar schließlich das Ballinsche Elternhaus zu einer Pension aus. Bis 1964 absolvierte Gerhard, bereits 42jährig, eine Ausbildung zum Bankkaufmann und wurde anschließend Angestellter der Braunschweigischen Staatsbank, bei der er bis zu seiner Pensionierung 1980 blieb. Seine Frau Eveline starb 1983 nach längerer Erkrankung. Gerhard Ballin pendelte danach zwischen Salzgitter, wo seine neue Lebensgefährtin Ilse Lotze lebte, und Seesen, um seine Adoptivtochter Renate mit Familie zu besuchen. Im Oktober 1989 starb Gerhard Ballin, nachdem er noch im Frühjahr seine Lebensgefährtin geheiratet hatte, nach einer vorausgegangenen Bypass-Operation 67jährig an einem Herzinfarkt.

Gerhard Ballin war auf genealogischem Gebiet Spezialist sowohl für die Familiengeschichte Ballin mit ihren verschiedenen Zweigen als auch für die Familie Goldschmidt. Sein Interesse für Genealogie hatte zunächst nur mit der mütterlichen Familie Bruch, zu der aber kaum Material überliefert ist, und der väterlichen Familie Ballin zu tun, die den Hauptteil der Überlieferung ausmacht. Nach dem Krieg aber dehnte er seine genealogischen Forschungen auf weitere jüdische Familien aus und konzentrierte sich zuletzt ausschließlich auf jüdische Genealogie. Seine Briefpartner reichten von näheren und entfernteren Verwandten über genealogisch interessierte Leser von Zeitschriften wie dem Aufbau oder der Genealogie bis hin zu Spezialisten wie Dr. Walther Meyer (Korrespondenz 1938-1974, siehe vor allem Nr. 124-127) oder Rabbiner Prof. Dr. Bernhard Brilling (Korrespondenz 1958-1984, siehe Nr. 141-144). Mit den beiden letztgenannten Herren verband ihn nicht nur der langjährige Briefwechsel, sondern auch eine freundschaftliche Verbindung, die aufgrund des höheren Alters von Dr. Meyer eher väterlich war. Von ihm lernte Gerhard Ballin nach eigener Aussage in Briefen alles über die jüdische Religion und über jüdische Bräuche, was er von seinem Vater nicht hatte erfahren können, da dieser früh gestorben war und selbst nur noch wenig darüber gewußt hatte. Dr. Meyer leitete Gerhard Ballin auch in der Methodik der Genealogie an. Rabbiner Prof. Dr. Bernhard Brilling war eher ein kollegialer Freund, der Ballin in seiner Arbeit bestätigte, ihn zu Veröffentlichungen ermunterte und ihm auch Auftragsarbeiten vermittelte. Weitere wichtige Korrespondenzpartner waren der niedersächsische Landesrabbiner Dr. Zvi Asaria in Hannover, Dr. Daniel Cohen von den Jewish Historical General Archives in Jerusalem und Dr. Shlomo Ettlinger in Frankfurt.

Besonders fruchtbar war für Gerhard Ballin der Austausch mit Rabbiner Brilling in den sechziger Jahren. In dieser Zeit schrieb Ballin allein zwei Artikel, die in der Zeitschrift Genealogie und dem Bulletin des Leo Baeck Instituts erschienen ("Die Ahnen des Komponisten Giacomo Meyerbeer" und "Mendelssohn-Miszellen" zusammen mit Günther Reissner) sowie den Artikel für die 1000 Jahr-Feier der Stadt Seesen, dessen Ausführung Rabbiner Brilling ihm vermittelt hatte. Ballin baute diese Arbeit bis 1979 zur Monographie "Die Geschichte der Juden in Seesen" aus. Brilling erkannte ihn in seinen Briefen immer wieder als sehr fleißigen, zielstrebigen, auf möglichst fehlerfreie Darstellung bedachten Genealogen an. Mehrfach lobte er ihn für seine sehr gute Arbeit und erkannte ihm sogar zu, über Forschungsergebnisse berühmter Genealogen hinausgekommen zu sein.

Nach eigener Aussage hätte Gerhard Ballin gerne Abitur gemacht, um Archivar zu werden oder einen ähnlichen Beruf zu erlernen. Dieser Wunsch scheiterte jedoch an der nationalsozialistischen Rassenideologie, die ihn dazu zwang, das Gymnasium vorzeitig zu verlassen. Auch sein älterer Bruder Günther war mit seiner kaufmännischen Ausbildung nicht glücklich, er hatte zwar das Abitur noch ablegen, dann aber nicht mehr wie gewünscht Medizin studieren können. Doch die Nachkriegsjahre brachten für die jungen Männer ohne elterliche Unterstützung die Notwendigkeit, Geld für sich und ihre Familien zu verdienen. Für Gerhard Ballin hat dieser Zustand eines latenten Geldmangels nie aufgehört: immer wieder kann man seinen Briefen die finanziellen Belastungen entnehmen, die z. B. der Umbau des Hauses zur Pension oder ähnliches mit sich gebracht haben, und wie sehr sich diese finanzielle Beengtheit auf seine Forschungen ausgewirkt hat. Die fehlende höhere Ausbildung zwang Gerhard Ballin, seine genealogischen Forschungen auf rein privater Basis zu betreiben. Immer wieder nahm er Auftragsarbeiten an, um damit einen Teil seiner Forschungen zu finanzieren, oft mußte er notwendige Buchkäufe unterlassen oder Projekte unterbrechen, weil kein Geld vorhanden war. Aus Geldmangel mußte er auch von seinem Wunsch Abstand nehmen, eine genealogische Bibliothek aufzubauen. Die Arbeit in Archiven war oft neben den nötigen finanziellen Aufwendungen auch sehr zeitintensiv, bei seiner beruflichen Inanspruchnahme war die dazu verwendbare Freizeit aber nicht allzu umfangreich. Der Ruhestand brachte Gerhard Ballin dann wieder etwas mehr Zeit, um sich mit Genealogie zu beschäftigen. Durch seinen Wohnungswechsel nach Salzgitter zu seiner Lebensgefährtin war er in die Nähe von Braunschweig gezogen und konnte nun auch aus diesem Grund leichter und häufiger das dortige Stadtarchiv besuchen.

Zeit seines Lebens hatte Gerhard Ballin kein Englisch gelernt, seine Tochter übersetzte im Bedarfsfall Texte für ihn. Auch das Hebräische war auf die Kenntnis der Schriftzeichen und der Daten nach dem jüdischen Kalender beschränkt, was ihn jedoch wenig an seinen Forschungen hinderte, da er zu vielen Hebräischkundigen in Briefkontakt stand, die ihm hilfsbereit immer wieder Grabsteintexte und gelegentlich auch Schriftstücke übersetzten. Auch die finanziellen Einschränkungen, die er sich auferlegen mußte, konnten ihn nicht von der zielstrebigen Umsetzung seiner Forschungsinteressen abhalten. Allerdings zweifelte Ballin immer wieder an sich und am Interesse der Öffentlichkeit für seine Ausführungen, oft wenn es um Veröffentlichungen ging und er befürchtete, keinen Verleger zu finden. So äußerte er dagegen früh den Wunsch, vielleicht angeregt durch Dr.Walther Meyer, für seine Materialien im Falle seines Todes ein Archiv zu finden, das seine Aufzeichnungen bewahren würde. So ging ein großer Teil seiner Sammlung, besonders die jüdischen Kultgeräte, an das Braunschweigische Landesmuseum, Bücher und Materialsammlung fanden ihren Weg nach Heidelberg in die Hochschule für Jüdische Studien und das Zentralarchiv.

Heidelberg, im September 1999
Jessica Becker

 


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