Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg

Sommersemester 2008


Vorlesung


Juden, Häretiker und andere Abweichler: lateinische Streitgespräche im Mittelalter
2st., Fr 9.15-10.45        Beginn: 11.4.08        Priv.Doz. Dr. Cardelle de Hartmann

In den Streitgesprächen des Mittelalters wird ein Disput zwischen den Mitgliedern unterschiedlicher religiösen Gruppen inszeniert: zwischen einem Christen einerseits und einem Juden, Häretiker oder (seltener) Muslimen andererseits, auch zwischen Vertretern unterschiedlicher Tendenzen bei einer innerchristlichen Auseinandersetzung wie dem Armutsstreit. Diese Textgruppe ist besonders zahlreich im Hoch- und Spätmittelalter. In der Vorlesung werden  die einflussreichsten Werke vorgestellt (die Dialoge von Gilbert Crispin, Petrus Alfonsi, Peter Abaelard und Ramon Llull) und die Fragen nach Entstehungskontext, anvisiertem Publikum und tatsächlicher Rezeption diskutiert. Insbesondere wird uns die Frage beschäftigen, inwieweit die Figur des Opponenten wahrgenommen wird und wie sich die Interaktion zwischen den Gesprächspartnern gestaltet.


Einführung in die neulateinische Literatur, Vorlesung mit Lektüre
2st., Di 16.15-17.45        Beginn: 8.4.08                         Prof. Wiegand

Die Vorlesung wird versuchen, einen ersten Überblick über die neulateinische Literatur Europas vom 14. – 18. Jahrhundert zu geben. Dabei wird, ausgehend von Italien, ein Schwerpunkt auf den Ländern West- und Mitteleuropas liegen. Zugleich soll ein Einblick in Methoden und Schwerpunkte der neulateinischen Literaturwissenschaft, ihre Grundlagen und Hilfsmittel gegeben werden, um auf diese Weise einen ersten Eindruck von einer der Hauptliteraturen des späten Mittelalters und der Frühen Neuzeit zu vermitteln. Um nicht nur theoretische Grundlagen zu behandeln, sollen auch gemeinsam mit den Teilnehmern der Vorlesung Textbeispiele gelesen und interpretiert werden. 


Seminar

Die unterhaltsamen Geschichten des Predigers Jakob von Vitry
2st., Do 9.15-10.45        Beginn: 10.4.08        Priv.Doz. Dr. Cardelle de Hartmann

Jakob von Vitry war einer der erfolgreichsten Prediger zu Beginn des 13. Jahrhunderts, seine Verwendung unterhaltsamer, pointierter Anekdoten zur Veranschaulichung seiner Lehre machte Schule bei anderen Predigern und trug entscheidend zur Beliebtheit des Exemplums in der spätmittelalterlichen Predigt bei.
Das Seminar hat einen sprachwissenschaftlichen Schwerpunkt. Jakob hielt zwar seine Predigten in der Volkssprache und redigierte sie in Latein, sie weisen aber noch Merkmale der konzeptionellen Mündlichkeit auf, die wir aufspüren wollen. Durch den Bezug auf die Lebenswelt seiner Zuhörer bieten sie außerdem einen lebendigen Wortschatz, den wir in seiner Bedeutung, seiner Verwendung in lateinischen Texten und seinem Bezug zur Volkssprache analysieren werden.
Wer sich auf das Seminar einstimmen will, kann bereits in folgenden Editionen Jakobs Erzählungen lesen:
Greven, Joseph (ed.), Die Exempla aus den Sermones feriales et communes des Jakob von Vitry, Heidelberg 1914 (Sammlung mittellateinischer Texte 9).
Frenken, Goswin, Die Exempla des Jacob von Vitry: Ein Beitrag zur Geschichte der Erzählungsliteratur des Mittelalters, München 1914 (Quellen und Untersuchungen zur lateinischen Philologie des Mittelalters 5, 1) [Diese Edition ist folgender Studie beigefügt: Lehmann, Paul, Vom Mittelalter und von der lateinischen Philologie des Mittelalters]
Crane, Thomas F. (ed.), The Exempla or Illustrative Stories from the Sermones Vulgares of Jacques de Vitry, London 1890, Nachdruck Whitefish MT (Kessinger Publishing's Rare Reprints) s.d.
Der Nachdruck von Cranes Edition ist preiswert im Buchhandel erhältlich.


Übung

Paläographie I: Von den spätantiken Majuskelschriften bis zur karolingischen Minuskel,
2st., Mi 9.15-10.45        Beginn: 7.4.08        Priv.Doz. Dr. Cardelle de Hartmann

Die Übung gibt einen Abriss der Schriftgeschichte von den antiken Schriften bis zu den Buchschriften des Frühmittelalters (vor der karolingischen Minuskel). Durch die Lektüre von Handschriftenreproduktionen soll die Fähigkeit eingeübt werden, diese Schriften sicher zu lesen und sie zeitlich und örtlich näher zu bestimmen. Vorkenntnisse werden nicht erwartet.

Metrik und Rhythmik: Beda Venerabilis, De arte metrica (für Interessierte aller Fächer)
2st., Do 14.15-15.45        Beginn: 11.4.08                         Dr.Licht

Bis in das Spätmittelalter hinein wurde das Grundwissen in "römischer" Metrik anhand der Ars metrica des Angelsachsen Beda († 735) vermittelt. Die Transparenz der Vorschriften und Beschreibungen haben die Beliebtheit des Werkes befördert; sein Erfolg erklärt sich auch daraus, daß Beda neben antiken Autoritäten viele christliche Dichter der Spätantike und des Frühmittelalters zur Illustration der Regeln herangezogen hat. Bedas Schrift soll in dieser Übung als Leitfaden zur Erlernung von Prosodie und Metrik dienen; alle Veränderungen zum antiken "Standard" kommen zur Sprache; Vorkenntnisse werden nicht verlangt. Der Kurs steht allen an der römischen Metrik Interessierten offen, dient daneben als Einführung in die Dichtung der Spätantike und des Frühmittelalters. Ausgabe: Bedae Venerabilis opera, vol.1. Opera didascalia, edd. C.W.JONES et al., Turnhout 1975, S.59-171 (Texte werden in Kopie ausgegeben).


Lektüre


Latein für Romanisten: Ein Genueser auf Mallorca (für Interessierte aller Fächer)
2st., Do 11.15-12.45        Beginn: 10.4.08        Priv.Doz. Dr. Cardelle de Hartmann

Die Übung richtet sich an all jene, die bereits Grundkenntnisse des antiken Lateins haben und nun das Latein des Mittelalters in einer volkssprachnahen Variante kennen lernen wollen. Gute Kenntnisse der lateinischen Morphologie (Deklinationen und Konjugationen) werden erwartet, die einfache Syntax des Textes sollte keine größeren Schwierigkeiten bereiten. Der Text, mit dem wir uns beschäftigen, ist die lebhafte Erzählung eines Kaufmanns aus Genua, der seine Dispute mit mallorquinischen Juden schildert. Seine frische Ausdrucksweise ist wenig von der Lektüre der Klassiker, dafür umso mehr in Duktus und Wortwahl von seinem muttersprachlichen Volgare beeinflusst. Wir werden bei unserer Lektüre nicht nur sprachliche Eigenheiten und inhaltliche Schwierigkeiten klären, sondern auch das Leseverständnis in Latein trainieren.
Der Text ist in folgender Edition zugänglich:
Limor, Ora (ed.), Die Disputationen zu Ceuta (1179) und Mallorca (1286). Zwei antijüdische Schriften aus dem mittelalterlichen Genua, München 1994 (MGH Quellen zur Geistesgeschichte des Mittelalters 15).
Eine Auswahl wird in Kopie zur Verfügung gestellt.
Tutorium: Eva Beckmann 16.15-17.45 Uhr.


Nithard, Historiae, (auch für Historiker)
2st., Di 14.15-15.45        Beginn: 8.4.08        Priv.Doz. Dr. Cardelle de Hartmann

Nithard, als Enkel Karls des Großen Mitglied der karolingischen Familie, beteiligte sich an den Kämpfen unter den Söhnen Ludwigs des Frommen, bei denen er Karl den Kahlen unterstützte, und schilderte sie in seinen Historiae. Trotz seiner Parteilichkeit ist sein Werk die wichtigste Quelle für den Bruderzwist; Nithard überliefert als einziger den Wortlaut der Straßburger Eide. Die Historiae sind ein kurzer, prägnanter Text, den wir gemeinsam in einem Semester lesen können.
Der Text ist gut zugänglich in folgender Edition, deren Anschaffung sich empfiehlt:
Müller, Ernst (ed.), Nithardi Historiarum libri IIII, Hannover 1907, Nachdruck 1984 (MGH Scriptores rerum Germanicarum in usum scholarum separatim editi [44]).
Tutorium: Jonas Göhler, Mi 13-14 Uhr.


Lectura Vulgatae: Ad Corinthios I (für Studierende aller Fächer)
2st., Mo 11.15-12.45        Beginn: 7.4.08                        Dr. Köhler
Zu einer Reihe sozialer, ethischer, kultischer und theologischer Fragen nimmt der Apostel Paulus in seinem ersten Brief an die Gemeinde in Korinth Stellung; sie reichen von einer frühen Spielart des Kopftuch-Problems über das Hohelied der Liebe bis zu Aussagen über die Auferstehung der Toten. Dabei sind die charakteristischen Formen des antiken Brief-Genus gut erkennbar. Bei der Lektüre werden mit Hilfe spätantiker Kommentare die Hauptlinien der Exegese deutlich.
Die Anschaffung einer Bibel (Biblia Sacra iuxta vulgatam versionem, 4. Aufl., Stuttgart 1994), wird empfohlen, es werden aber auch Kopien ausgegeben.


Exkursion:


Handschriftenexkursion München             Priv.Doz. Dr. Cardelle de Hartmann

Bei einer Exkursion nach München wird die große Ausstellung zum 450jährigen Bestehen der Bayerischen Staatsbibliothek besichtigt. Vor Ort haben wir außerdem Gelegenheit, bei einem Seminar einige seltene Stücke aus den Beständen der BSB einzusehen, während ein Besuch im Institut für Buch- und Handschriftenrestauration (IBR) die konservatorischen Probleme und ihre möglichen Lösungen veranschaulichen wird.
Die Exkursion wird in einem (Block)Seminar vorbereitet. Die Termine werden in der ersten Semesterwoche vereinbart. Dazu treffen wir uns am Dienstag, den 15.April um 11 Uhr.


Colloquium Neolatinum


Historia in Liturgia sive Liturgia Historiata. De lecturis matutinis Breviarii Romani
2st., Mi 16.15-17.45        Beginn: 16.4.08                         Dr.Schouwink
In grege crescente Latine loquentium pauci reperiuntur, qui nomina et opera Patrum, Ambrosii, Hieronymi, Augustini et Gregorii scilicet, non noverint. Sed quanta sit in eis dignitas et auctoritas, non fuit eorum operum summa integra, cuius ad studium aetas posterior se applicavit. Immo vero sunt quaedam excerpta et florilegia, quae eruditi medii aevi et aetatis modernae, clerici praesertim, corde tenebant et tamquam sacrae scripturae ipsissima verba aestimabant. Huiusmodi textus facile inveniuntur in lecturis matutinis Breviarii Romani Tridentini. Qua de causa lectionibus selectis, quae hoc colloquio disputandae sunt, praecedet breve exercitium in Ordinario sive structura Breviarii Romani. Textus pretio modico in Seminarii aedibus acquiri poterunt. Colloquii sodales invitantur (ut in sessionibus antecedentibus fecimus) non solum ad textus lecturam, sed etiam ad oratiunculam de qualicumque materia Latine proferendam.


Nach der Zwischenprüfungsordnung des Romanischen Seminars kann statt des Übungsscheins in einer zweiten romanischen Sprache auch ein Übungsschein aus dem Fach Mittellatein vorgelegt werden. Benotete Scheine werden für erfolgreiche Teilnahme an den 2-stündigen Veranstaltungen ausgegeben. Nach Beschluß der Fachgruppenkonferenz Romanistik-Mittellatein vom 7.XII.1977 kann auch ein zweiter Schein aus dem Fach Mittellatein für das Romanistikstudium angerechnet werden.
Nach der Zwischenprüfungsordnung für das Fach Mittlere und Neuere Geschichte vom 20.III.2002 kann bei fehlendem Latinum in den Studiengängen Magister (Hauptfach) und Promotion ersatzweise eine Ergänzungsprüfung in Mittel- und Neulatein abgelegt werden. Diese Prüfung wird im Anschluß an mindestens 2 Lektürekurse, zu deren Besuch Grundkenntnisse in Latein erforderlich sind, auf der Grundlage einer Übersetzungsklausur (ca. 60 Min.) und einer mündlichen Prüfung (ca. 15 Min.) abgenommen. Die für das Studium erforderlichen Lateinkenntnisse werden vom Leiter des Lektürekurses bescheinigt, sofern sie mit mindestens "ausreichend" (4,0) benotet sind. Eine ähnliche Regelung gilt für Studenten der Europäischen Kunstgeschichte und der Musikwissenschaft. Auskunft erteilen die Fachberater an den Seminaren.

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