Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg

Neue Publikationen aus dem Haus



Walter Berschin / Theodor Klüppel:
Die Reichenauer Heiligblut-Reliquie. Mit einem Geleitwort von Alfons Weißer
Reichenauer Texte und Bilder Band 1
Heidelberg, Mattes 2015
ISBN 9783868090949


Im Jahr 925 kam auf die Insel Reichenau als Geschenk eines Ritters Walter und seiner Frau Swanahild ein griechisches Kreuz mit einer Heiligblut-Reliquie. Seitdem ist diese Reliquie ein vielverehrtes Heiligtum der Reichenau. Noch heute begeht die Insel festlich jeden Montag nach dem Dreifaltigkeitssonntag das Heiligblut-Fest, in dessen Mittelpunkt das vor über 1000 Jahren auf die Reichenau gekommene griechische Reliquienkreuz steht.

Dritte, erweiterte Auflage von 2015.










J.Becker / T.Licht / St.Weinfurter (Hgg.)
:
Karolingische Klöster. Wissenstransfer und kulturelle Innovation
Materiale Textkulturen Band 4
Berlin u.a., De Gruyter 2015
ISBN 9783110371239
Karolingische Klöster

Die wichtigsten Akteure im Transfer antiken Wissens ins Frühmittelalter sind die karolingischen Klöster. Die klösterlichen Skriptorien sorgten durch ihre Tätigkeit für die Weitergabe von patristischem und paganen Wissen sowie im Sinne der karolingischen renovatio für die Präsenz korrekter und eindeutiger Schriftzeugnisse. Die einzelnen Beiträge untersuchen die Spuren der zeitgenössischen Träger und Rezipienten, die auf das karolingische Wissenssystem einwirkten und die Vermittlung und Selektion von Wissen steuerten. Dabei stehen Fragen nach dem karolingischen Wissenskanon und der frühmittelalterlichen Gelehrtenkultur im Mittelpunkt. Als Ausgangsbasis der Forschungen dienen in vielen Fällen die handschriftlichen Artefakte des Klosters Lorsch und seine einzigartige Bibliothek, die um die Mitte des 9. Jahrhunderts einen der bedeutendsten europäischen Bücherbestände aufwies. Die vorliegende Publikation bündelt die Beiträge einer im Rahmen des Heidelberger Sonderforschungsbereichs 933 »Materiale Textkulturen« veranstalteten Tagung, die vor allem nach der Organisation und Vermittlung von Wissen in der Karolingerzeit fragte.

Den Band erschließen ein Handschriften- und Personenregister.












C. Sollius Apollinaris Sidonius: Die Briefe
Eingeleitet, übersetzt und erläutert von Helga Köhler
Bibliothek der Mittellateinischen Literatur Band 11
Stuttgart, Hiersemann 2014
ISBN 9783777214146
Sidonius Briefe

Die Briefe des Sidonius (geb. 430/2 in Lyon, gest. nach 481) sind literarische Kunstwerke, in denen ein ungeheurer Reichtum an Erleben, Beobachtungen und menschlichen Beziehungen ihres gebildeten, humorvollen und sympathischen Verfassers zu sprachlichem Ausdruck gelangt. In mehrfacher Hinsicht nehmen sie eine Sonderstellung in der lateinischen Briefliteratur ein. Schon die Lebensdaten des Autors lassen erkennen, dass er Zeuge des En- des der römischen Herrschaft im westlichen Teil des Reiches war, ja, aufgrund seiner gesellschaftlichen Stellung als Angehöriger des senatorischen Adels in Gallien sogar direkt Betroffener. Infolge dieses Verlaufs der Geschichte wandte er sich nach einer erfolgreichen Karriere im Dienst des Reiches in seiner zweiten Lebenshälfte als Bischof der Auvergne mit Sitz in Clermont dem geistlichen Beruf zu. Die Konstante in diesem ,Ausstieg‘ bildete seine literarische Begabung, die zusammen mit einer umfassenden Bildung in seiner ersten – weltlichen – Lebenshälfte einen Band von 24 Gedichten entstehen ließ, darunter drei lange Kaiserpanegyriken. Das Dichten fiel ihm leicht, weil er ein her- vorragender Kenner sowohl der Versmaße als auch der Quantitäten war; Latein beherrschte Sidonius fehlerfrei.
Nach seiner Berufung ins Bischofsamt verzichtete er zunächst auf das Schreiben von Gedichten, nahm es jedoch später, wenn auch in geringerem Umfang, wieder auf. In diesem zweiten Lebensabschnitt wurde ihm die Prosa der Briefe zum künstlerischen Ausdrucksmittel, dessen er sich kompromisslos bemächtigte. Die sprachliche Überformung der Briefe, ihre Auswahl für das einzelne ,Buch‘ und schließlich die Anordnung in neun Büchern geschah ohne chronologische Ordnung oder bio- graphische Vollständigkeit; das einzige deutlich erkennbare Prinzip ist die Abwechslung, die dem Le- ser das Vergnügen einer kultivierten Unterhaltung bereiten will, auch wenn das Thema eines Briefes so ernst wie Krieg, Verrat oder gewaltsamer Tod sein sollte. In den Briefen vollzieht sich eine Transformation der Wirklichkeit durch die Kunst, die deren Macht abmildert und ihr nicht selten einen zeitlosen Charme verleiht.
Weil das Latein des Sidonius als anspruchsvoll bis schwierig zu charakterisieren ist, war sein Werk im deutschen Sprachgebiet bisher nur wenigen bekannt. Die Historiker haben sich der vorhandenen Übersetzungen ins Englische und Französische bedient, den Theologen war Sidonius zu wenig fromm. Diese erste Übersetzung sämtlicher Briefe und der darin enthaltenen Gedichte ins Deutsche will dem heutigen Leser einen wertvollen Autor des fünften Jahrhunderts zugänglich machen.
Den reichen Inhalt des Briefcorpus erschließen ein Namen- sowie ein nach Oberbegriffen systematisiertes Sachregister.





Anthologia Latina mit den Vergil-Centonen
Eingeleitet, übersetzt und kommentiert von Wolfgang Fels
Stuttgart, Hiersemann 2014
ISBN 978377721423

Anthologia latina


Unter dem Titel „Anthologia Latina“ legte der Heidelberger Altphilologe Alexander Riese 1869 eine Sammlung lateinischer Kleindichtungen aus verschiedenen Handschriften des VI. bis IX. Jahrhunderts vor. Der Hauptteil der Sammlung, der Codex Salmasianus, benannt nach seinem zeitweiligen Besitzer Claude de Saumaise (1588-1653), reichte zeitlich zurück bis zum Ende der Vandalenherrschaft in Nordafrika im Jahr 534.
Die Texte, deren Autoren in den wenigsten Fällen bekannt sind, stellen ein wahres Kaleidoskop der verschiedensten Inhalte und Gedichtformen dar. Andere Gedichte dagegen werden so berühmten Dichtern wie Vergil, Ovid, Seneca oder Petronius zugeschrieben. Zu den bekannteren aus der Vandalenzeit zählt Luxurius, der später mit dem römischen Epigrammdichter Martial verglichen wird. Die Themen der Gedichte sind zum Teil den Mythen entnommen, wie die Klage der Königin Dido über das treulose Verhalten des Aeneas, oder die Nachtfeier der Venus. Es wird auch munter ‚getwittert‘, etwa über das Leben eines sodomistisch veranlagten Rechtsverdrehers, oder den übersteigerten privaten Bäderfimmel; es werden Ratschläge erteilt, wie Liebe zu wecken sei, aber auch über die bildende Kunst wird geschrieben, sie kreisen aber auch um allzu Menschliches und reichen vom Zweizeiler bis zum ausladenden Kleinepos, am häufigsten in Distichen, seltener in anderen Versmaßen.
Die 1982 erschienene Edition ließ die von Riese einbezogenen sogenannten Centonen unberücksichtigt, mit denen der Codex Salmasianus beginnt – etwa eintausend Verse von mitunter alltäglichem Inhalt, aus Vergil-Versen zusammengeschmiedet; der Herausgeber empfand sie als Majestätsbeleidigung gegenüber dem Dichterfürsten Vergil. Die hier vorgelegte Übersetzung nimmt die Centonen wieder auf und bietet damit erstmals den „Ur-Riese“ in vollständiger deutscher Übersetzung.







Natalie Maag: Alemannische Minuskel (744-846 n. Chr.)
Frühe Schriftkultur im Bodenseeraum und Voralpenland
Band 18 der Reihe "Quellen und Untersuchungen zur lateinischen Philologie des Mittelalters"
Stuttgart, Hiersemann 2014
ISBN 978-3-7772-1422-1



Die alemannische Minuskel ist als Schrift Zeuge des kulturellen Aufbruchs am Vorabend der Karolingerzeit. Wie andere Regionalschriften dokumentiert sie den Umbruch im Schriftwesen vor der karolingischen Minuskel. Die Erschließung ihrer Schriftträger bietet einen direkten Zugang zu den bedeutenden Überlieferungszentren und gibt Einblick in die Arbeitsweise der Skriptorien. Man mag von Digraphie sprechen, wenn in den Schreibschulen alemannische und karolingische Minuskel parallel existieren – die höherwertige Schrift bleibt jedoch die alemannische Minuskel. Ludwig TRAUBE gab den Anstoß zur Erforschung dieser Schrift, die zuerst Albert BRUCKNER durch die Herausgabe der Scriptoria medii aevi Helvetica vorantrieb. Schließlich wurde der Terminus ‚alemannic Minuscule‘ auch von Elias A. LOWE und Bernhard BISCHOFF rezipiert und fand Eingang in den Katalog der Codices Latini Antiquiores. Durch die Verzahnung von Paläographie, Handschriftenphilologie, Kodikologie und Forschungen zur Buchmalerei konnte erstmals der gewaltige Kulturraum erforscht werden, der von der alemannischen Minuskel erfasst worden ist. Einem umfassenden Forschungsüberblick – mit kurzem Exkurs zur Kunstgeschichte – folgt eine Beschreibung von Anfang und Blüte der Schreibschulen St. Gallen und Reichenau. Die paläographischen Beobachtungen werden durch signifikante Abbildungen und korrespondierende Erläuterungen unmittelbar nachvollziehbar gemacht. Weitere alemannische Schreibstätten, die sich jenseits des Bodenseeraumes befinden (Freising, Mondsee, Kremsmünster etc.), schließen daran an.
Der Katalog verzeichnet 260 signifikante Handschriften und 130 Urkunden in alemannischer Minuskel; der farbige Tafelteil ermöglicht die besprochenen Schreibschulen wie in einem paläographischen Album durchzuschauen. Zusammen mit dem Handschriftenregister, dem Index nominum sowie einer Karte zum Verbreitungsgebiet der alemannischen Minuskel ist hier sowohl ein wissenschaftliches Nachschlagewerk als auch eine Biographie der ersten wirkmächtigen Buchschrift des Bodenseeraumes und des Voralpenlandes entstanden.





 







Zum Millenium der Geburt Hermanns des Lahmen von der Reichenau erschien in dritter, erweiterter Auflage W. Berschin/M. Hellmann, Hermann der Lahme. Gelehrter und Dichter (Heidelberg: Mattes, 114 S. und 19 Abb., davon 6 in Farbe) und Hermannus Contractus (1013-1054): Historia S. Magni, edd. D. Hiley/W. Berschin (Lions Bay, Canada: The Institute of Mediaeval Music, XXIII + 35 S., 1 Farbabb.). Mit dem Offizium auf Magnus von Füssen sind nunmehr drei Offiziendichtungen Hermanns (Wolfgang, Afra, Magnus) identifiziert und textlich/musikalisch ediert.
 









Guibert von Nogent: Die Autobiographie
Eingeleitet von Walter Berschin
Übersetzt und kommentiert von Elmar Wilhelm
Bibliothek der Mittellateinischen Literatur Band 10
Stuttgart, Hiersemann 2012
ISBN 978-3-7772-1204-3


Diese von dem hochbegabten und umfassend gebildeten nordfranzösischen Adelsspross Guibert von Nogent (* ca. 1055; 1104 Abt der Benediktiner von Nogent; † ca. 1124) verfasste Autobiographie, von ihm selbst absichtsvoll-verfremdend „Über sein Leben“ (De vita sua) betitelt (auch „Monodiae“ benannt), ist die erste Autobiographie des Mittelalters, die als realistischer Augenzeugenbericht über das Alltags- und Geistesleben seiner Zeit und als eine historische Quelle hohen Ranges gelten kann. Vom mittelalterlichen Alltags- und politischen Leben berichtet und kommentiert Guibert unmittelbar und mit meisterhafter, spürbarer Erzählfreude. Dabei wechseln Tragisches, Brutales, Komisches und auch Amüsantes einander ab. Die Selbstbiographie enthält detailreiche Schilderungen aus dem Leben der Kirche im Allgemeinen wie im Besonderen in den Klöstern (wie z.B. der Gründung der Grande Chartreuse, des Mutterklosters der Kartausen), Berichte von der Hinwendung frommer Adliger zu einem klösterlichen Leben genauso wie von unechter Frömmigkeit (die prompt bestraft wird) und frivolem Fehlverhalten lästerlicher Mönche. Aber auch Wundergeschichten spielen eine Rolle, denen gleichzeitig mit fast aufklärerisch anmutender Kritik begegnet wird. Diese Wunder, Visionen und Wahrträume, die dem Menschen den Weg zur Erlösung zeigen sollen, Gespenstergeschichten, in denen die Wut des Teufels gegenüber Unschuldigen offenbar wird – also das Wüten der Teufel gegen die Schöpfung Gottes –, dies alles ist eingebettet in das persönliche Schicksal eines fast unbekannten Abtes eines kleinen, heute bis auf wenige Reste verschwundenen Klosters in der Nähe der damals bedeutenden Stadt Laon in der Picardie.
Die hinsichtlich Stil, Wortwahl und Grammatik unorthodox niedergeschriebenen Lebenserinnerungen liegen hier erstmals in einer deutschen Übersetzung vor, welche einerseits um Lesefreundlichkeit bemüht ist, andererseits ihre Eleganz sowie die gelegentlich sarkastische Ironie mitschwingen lässt.– Das Buch ist wegen seiner reichen Stofffülle eine hervorragende Quelle für Theologen, Historiker, Psychologen, Latinisten – und alle, die aus nächster Nähe mehr über die Welt vor eintausend Jahren erfahren wollen.








Wolfgang
Kirsch: Laudes sanctorum. Geschichte der hagiographischen Versepik vom IV. bis X. Jahrhundert
Halbbd. 2: Entfaltung (VIII. bis X. Jahrhundert), Teilbd. 2
(Quellen und Untersuchungen zur lateinischen Philologie des Mittelalters 14)
Stuttgart, Hiersemann, 2012
ISBN 978-3-7772-1217-3
VI, 304 Seiten

 


Wolfgang Kirsch (1938 – 2010) hat mit seinem großen Werk eine in ihrer Fülle bisher kaum wahrgenommene  Literaturlandschaft erschlossen: Von Juvencus, der das lateinische Epos mit der «absoluten Dominanz einer einzigen Zentralgestalt, hinter der alle anderen Personen zurücktreten», revolutioniert, über die spätantiken hagiographischen Epen bis zu den karolingischen Großdichtungen und ihren Ausläufern. Die lateinische Epik ist jetzt bis zum Jahr 1000 überblickbar.





  

Walter Berschin: Einleitung in die Lateinische Philologie des Mittelalters
Eine Vorlesung
Herausgegeben von Tino Licht
Heidelberg, Mattes, 2012
180 S., 33 Abb.
ISBN 978-3-86809-063-5

Eine umfassende, alle Bereiche des Faches ausleuchtende Einführung in die Lateinische Philologie des Mittelalters  wurde von Walter Berschin zwischen 1974 und 2005 mehrfach an der Universität Heidelberg als Vorlesung angeboten. Die von ihm korrigierte Fassung des Skripts liegt hier noch einmal behutsam überarbeitet und aktualisiert vor. Für die Publikation wurde die Diktion der Vorlesung beibehalten; Nachweise und bibliographische Angaben sind mit Absicht knapp gehalten. Ziel ist es, dem mediävistisch Interessierten einen umfassenden und lesbaren Überblick über Erkenntnisse und Methoden der mittellateinischen Philologie zu vermitteln. Jenen, die sich bisher dem Mittelalter aus Interesse an der Geschichte und den Nationalliteraturen genähert haben, soll der Weg zur Hauptsprache der mittelalterlichen Literatur gewiesen werden. Der Zugang zum Fach erfolgt in der Tradition des Fachgründers Ludwig Traube, der die mittellateinische Philologie auf die Überlieferungsgrundlage, die Grundlage der mittelalterlichen Handschrift festgelegt hat.





Reichenauer Wandmalerei 840–1120
Goldbach – Reichenau-Oberzell St. Georg – Reichenau-Niederzell St. Peter und Paul
Walter Berschin unter Mitarbeit von Ulrich Kuder
(Reichenauer Texte und Bilder Band 15)
Heidelberg, Mattes, 2012
96 S., 42 Abb.
ISBN 978-3-86809-052-9


Bild für Bild ist in den vergangenen 140 Jahren die großeTradition der Reichenauer Wandmalerei wieder zutage getreten. Die sechs erhaltenen Zyklen, die zwischen 840 und 1120 entstanden, werden in Bild und Wort vorgestellt. Besondere Aufmerksamkeit gilt den  zeitgenössischen Beischriften (Tituli); denn sie sagen, wie die Zeit selbst ihre großen Bilder verstanden und gedeutet hat.








Wolfgang Kirsch: Laudes sanctorum. Geschichte der hagiographischen Versepik vom IV. bis X. Jahrhundert
Halbbd. 2: Entfaltung (VIII. bis X. Jahrhundert), Teilbd. 1
(Quellen und Untersuchungen zur lateinischen Philologie des Mittelalters 14)
Stuttgart, Hiersemann, 2011
ISBN 978-3-7772-1120-6
VIII, 248 Seiten (S. 497–744)

Band zwei verfolgt die Entwicklung vom VIII. bis X. Jahrhundert in den Kapiteln Rhytmische Dichtungen, Opera gemina, Kleinere epische Formen I (im ersten Teilband); Epische Großformen, Kleinere epische Formen II, Metrische Translationsberichte, Tituli, Summarien, Kalendarien, Martyrologien (im zweiten Teilband). Im Mittelpunkt steht hierbei die beschreibende, vergleichende und genetische Untersuchung der Struktur dieser Werke. Gemeinsam sind ihnen ihr Stoff: das Leben bzw. die Passion von Heiligen, die Versform, der relativ große Umfang, die Verselbständigung der Einzelszene, die offene Konstruktion, die immer neue Nachträge ermöglicht, und der Gestus des Rühmens. Im Übrigen dominiert der experimentelle Charakter der Dichtungen; zwar führen sie antike und spätantike Traditionen fort, doch wird die Entwicklung im Ganzen durch Brüche und immer neue Ansätze bestimmt. In die gesellschaftlich-kulturelle, insbesondere literarische Gesamtentwicklung gefügt werden die Dichtungen einerseits durch die Darstellung der Biographie des Dichters, soweit sie für das Anliegen belangvoll ist, anderseits durch die Frage nach ihren Adressaten, den intendierten Kommunikationssituationen und nach ihrer Funktion, drittens durch die Untersuchung der Beziehungen zu anderen literarischen Entwicklungen, etwa zur Bibelepik (Juvencus) bzw. zur liturgischen Hymnik (Hilarius, Ambrosius), ihre Beeinflussung durch die hagiographische und historiographische Prosa (Sulpicius Severus, Beda), durch das Aufkommen des opus geminum (Sedulius), die Prägung ihrer poetischen Sprache durch herausragende Dichtergestalten (Juvencus, Aldhelm), schließlich die Entwicklung von Ansätzen historischer Epik aus dem Geist der hagiographischen Passagen. Den Forschungsstand, insbesondere umstrittene Fragen, dokumentiert der Autor ausführlich, um dem Leser den Einstieg zu ermöglichen bzw. zu erleichtern. Wolfgang Kirsch (1938 – 2010) hat mit seinem großen Werk eine in ihrer Fülle bisher kaum wahrgenommene Literaturlandschaft erschlossen: Von Juvencus, der das lateinische Epos mit der «absoluten Dominanz einer einzigen Zentralgestalt, hinter der alle anderen Personen zurücktreten», revolutioniert, über die spätantiken hagiographischen Epen bis zu den karolingischen Großdichtungen und ihren Ausläufern. Die lateinische Epik ist jetzt bis zum Jahr 1000 überblickbar.






Prudentius: Das Gesamtwerk
Eingeleitet, übersetzt und kommentiert von Wolfgang Fels
Bibliothek der Mittellateinischen Literatur Band 9

Stuttgart, Hiersemann 2011
ISBN 978-3-7772-1111-4

                                            

 Prudentius
Der gelernte Jurist und hohe Hofbeamte Aurelius Prudentius, 348 in Spanien geboren und nach 405 gestorben, beendete freiwillig seine politische Karriere am römischen Kaiserhof in Mailand und zog sich in seine Heimat zurück, wo er sich fortan der Dichtkunst mit ausschließlich christlich-religiösen Themen widmete. So hoffte er, sich letztlich den Himmel erwerben zu können. Seine Dichtungen reichen von meist langen Hymnen zu einzelnen Tageszeiten und Jahrfeiern bis hin zu kleinen Vierzeilern für Wandbilder mit biblischem Inhalt. In unfangreichen Versepen greift er die damals von Kirche und Politik immer wieder diskutierten Fragen zur Trinität und zur Göttlichkeit des Gottessohnes auf, ein Lehrgedicht behandelt die Entstehung der Sünde. Viel gelesen und illustriert wurde sein allegorisches Werk Psychomachia, in welchem er drastisch den Kampf zwischen Tugenden und Lastern schildert, der sich in jeder Seele abspielte.
 Prudentius setzte sich im Sinne des Kaiserhofs für ein Verbot der altrömischen Götter und Bräuche ein, lehnte jedoch eine Zerstörung alter Kultbilder ab. Mit großer Lust am Detail erzählt er in seinem Buch Peristephanon die grausamen Qualen und die Standhaftigkeit der Märtyrer, darunter auch den Tod des Lehrers Cassian von Imola, den aufgestachelte Schüler bei der Christenverfolgung des Diokletian mit ihren Griffeln erstachen. Die metrische Vielfalt seiner Verse brachte dem großen frühchristlichen Dichter Prudentius das Lob ein, ein christlicher Vergil und Horaz in einer Person zu sein. Die mehr als 300 Handschriften, in denen das Werk überliefert ist, zeugen von der herausragenden Bedeutung dieses Poeten, an dessen Versen die Klosterschüler die Verskunst zu erlernen hatten.
Die Gedichte, die bisher nur in einzelnen Teilen ins Deutsche übersetzt wurden, liegen nun erstmals in einer deutschen Gesamtübersetzung vor. Sie stellt sich an die Seite der vor mehr als einem halben Jahrhundert erschienenen französischen, englischen und spanischen Übersetzungen, unterscheidet sich von ihnen jedoch durch die strikte Beibehaltung sämtlicher von Prudentius verwendeter Versmaße und bemüht sich, auch seine sprachlichen Eigenarten so wortgetreu wie möglich nachzuempfinden. Die Einführung in Leben und Werk hebt hervor, dass Prudentius über die christlichen Inhalte hinaus ein kulturgeschichtlich aufschlussreiches Lesevergnügen bietet; das Namen- und Sachverzeichnis erschließt seinen literarischen Kosmos. Die vom Dichter in sein Werk einbezogene Welt wird auf einer geographischen Vorsatzkarte veranschaulicht.







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