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"Virchow kommt sehr in die
Höhe; wenn er auch äußerlich mit einer großen Menge von Schwierigkeiten zu kämpfen
hat, so repräsentiert er doch eine geistige Macht und Autorität, die ihm nicht
mehr streitig gemacht werden kann. Ich bin erstaunt, was der Mensch
zusammenarbeiten kann und wie er den Kopf für alle möglichen
auseinanderliegenden Beobachtungen offen hat".
So charakterisierte der 25jährige
Arzt Rudolf Leubuscher (1821-1861) seinen gleichaltrigen ehemaligen
Kommilitonen Rudolf Virchow (1821-1902) in einem Brief vom 4. November 1846.
Nahezu 56 Jahre später, am 6. September 1902, schrieb die englische Zeitung The
Standard über den am Tag zuvor verstorbenen Virchow: "It is felt
that the nation has lost its greatest man of science".
Zwischen diesen beiden Äußerungen
verging zwar mehr als ein halbes Jahrhundert, gleichwohl scheint aus der
historischen Retrospektive die frühe Beobachtung Leubuschers bereits
wesentliche Voraussetzungen für das späte Resümee des britischen Journalisten
erfaßt zu haben: Überdurchschnittlicher Ehrgeiz, kämpferisches Wesen,
unerschöpfliche Energiereserven, brillante Intelligenz, charismatische
Autorität, atemraubender Fleiß und enzyklopädische Vielseitigkeit bildeten in
ihrer seltenen Kombination die spezifischen Ingredienzen, welche die singuläre
Persönlichkeit des vor 175 Jahren am 13. Oktober 1821 in Schivelbein
(Hinterpommern) geborenen Rudolf Virchow ausmachten. Der aus kleinbürgerlichen
Verhältnissen stammende einzige Sohn eines ständig unter Geldnöten leidenden
Landwirts und Stadtkämmerers bezog 1839 als Stipendiat die berühmte Berliner
Militärärzte-Akademie Pepinière, um dort Medizin zu studieren. Unter dem
Dekanat seines verehrten Lehrers Johannes Müller (1801-1858), "dem
berühmtesten Physiologen der Welt", wurde der gerade 22jährige Virchow
am 21. Oktober 1843 zum Doktor der Medizin promoviert. "Ich weiß nicht,
ob Du mir nicht vielleicht durch Jakobi von Deinem Weine so viel zusenden
könntest, als dazu gehört, 6-7 Leute in einen gelinden Rausch zu
versetzen", schrieb der stolze junge Doktor an seinen Vater.
Seit 1844 arbeitete Virchow als
Assistent des Pathologisch-Anatomischen Prosektors Robert Froriep (1804-1861)
an der Berliner Charité. Was eher als
berufliche Notlösung begonnen hatte, wurde für Rudolf Virchow jedoch bald zur
faszinierenden Passion: Die makroskopische und mikroskopische Durchdringung des
pathologisch-anatomischen Substrats erschien dem jungen Gelehrten schon 1845
als der ideale Weg, um "das Bedürfnis und die Richtigkeit einer Medizin
vom mechanischen Standpunkt" nicht nur zu artikulieren, sondern auch
wissenschaftlich zu begründen. Im Mai 1846 wurde Virchow, der soeben sein
medizinisches Staatsexamen abgelegt hatte, nach dem Weggang Frorieps dessen
Nachfolger als Leiter der Charité-Prosektur. Damit hatte er nicht mehr nur eine
visionäre Idee, sondern auch einen festen Arbeitsplatz. Jetzt begann er
systematisch, die Medizin auf ein neues, naturwissenschaftliches Fundament zu
stellen; gleichsam als Nebenprodukt etablierte er dabei während der folgenden
beiden Jahrzehnte eine in Deutschland neue akademische Disziplin: die
Pathologie.
"Die
naturwissenschaftliche Frage ist die logische Hypothese, welche von einem
bekannten Gesetz durch Analogie und Induction
weiterschreitet; die Antwort darauf giebt das Experiment, welches in der Frage
selbst vorgeschrieben liegt. ... Die Naturforschung setzt also Kenntniss der
Thatsachen, logisches Denken und Material voraus; diese drei, in methodischer
Verknüpfung, erzeugen die Naturwissenschaft". Diese programmatischen Sätze formulierte
der junge Berliner Pathologe im Dezember 1847 im Rahmen eines Vortrags, den er
erst 1849 im zweiten Band des von ihm 1847 begründeten und bis 1902 von ihm
herausgegebenen Archivs für pathologische Anatomie und Physiologie und für
klinische Medicin publizierte.
In der Zwischenzeit nämlich war
einiges geschehen: Im Jahr der gescheiterten Märzrevolution 1848 stand Rudolf
Virchow politisch auf der Seite der linksliberalen Reformer, beteiligte sich
sogar in Berlin am Bau einer Barrikade. Das intellektuelle Kampfgetümmel lag
ihm jedoch weit mehr. Von Juli 1848 bis Juni 1849 gab er (1848 zusammen mit
Rudolf Leubuscher) ein weiteres Journal heraus, diesmal jedoch ging es um eine
sozialpolitische Wochenschrift mit dem Titel Die medicinische Reform.
Und hier offenbarte sich die für ihn selbst logisch notwendige und politisch
folgerichtige Komplementärseite des Naturwissenschaftlers Virchow. So schrieb
er am 3. November 1848: "Wer kann sich darüber wundern, dass die
Demokratie und der Socialismus nirgend mehr Anhänger fand, als unter den
Aerzten? dass überall auf der äussersten Linken, zum Theil an der Spitze der
Bewegung, Aerzte stehen? die Medicin ist eine sociale Wissenschaft, und die
Politik ist weiter nichts, als Medicin im Grossen".
Zu dieser Auffassung hatten
Virchow nicht zuletzt eben jene wissenschaftlichen Beobachtungen geführt, die
er im Auftrag der Preußischen Regierung im Februar/März 1848 bei der
Fleckfieber-Epidemie in Oberschlesien gemacht hatte. Virchow beschuldigte die
preußische Beamtenschaft als einen wesentlichen pathogenen Faktor für die
Verbreitung der Seuche: "Waren doch die Beamten nicht von dem Volk für
das Volksinteresse, sondern von dem Polizeistaat für das Staatsinteresse
eingesetzt". Nicht milder beurteilte er die Rolle der katholischen Kirche,
die ihm zeitlebens ein Feindbild bleiben sollte; Virchows Fazit: "Soll
die Schule irgend gedeihen, so muß sie ganz und ohne Rückhalt dem Klerus
entzogen werden und an die Stelle pfäffischer Überlieferung ein freisinniger
Unterricht treten, dessen Grundlage die positive Naturanschauung bildet".
Sein politisches Engagement machte
den aufstrebenden und produktiven Wissenschaftler bei der preußischen Regierung
so unbeliebt, daß er im Herbst 1849 einem Ruf auf den ersten in Deutschland
bestehenden Lehrstuhl für Pathologische Anatomie an der bayerischen Universität
Würzburg folgte. Nun war er der einzige deutsche Lehrstuhlinhaber in dieser
jungen Disziplin. Während der folgenden sieben Jahre konzentrierte Virchow, der
1850 die gut zehn Jahre jüngere Rose Mayer heiratete und bis 1855 auch Vater
dreier Kinder wurde, seine geistige Energie weniger auf die Politik als auf die
institutionelle und ideelle Entwicklung der Pathologie, die er als neue
Leitwissenschaft einer naturwissenschaftlichen Medizin formierte. Die
morphologischen Befunde der Pathologische Anatomie sollten dabei den
notwendigen, aber keineswegs hinreichenden Grundstein legen für eine darauf zu
gründende Pathologische Physiologie, die Virchow stets als Ziel anvisierte.
1855 veröffentlichte er in seinem
Archiv einen ersten Aufsatz mit dem Titel Cellular-Pathologie, in
welchem er die Umrisse eines neuartigen Forschungsparadigmas für die
Theoretische Medizin skizzierte: "Rücken wir bis an die letzten Grenzen
vor, an denen es noch Elemente mit dem Charakter der Totalität oder wenn man
will, der Einheit gibt, so bleiben wir bei den Zellen stehen. ... Ich kann
nicht anders sagen, als dass sie die vitalen Elemente sind, aus denen sich die
Gewebe, die Organe, die Systeme, das ganze Individuum zusammensetzen".
Das heuristisch fruchtbare und deshalb auch heute noch diskutierte Konzept der
Zellularpathologie sah die Zelle als morphologisch wie funktionell kleinste
autonome Einheit des gesunden und kranken Lebens an, wodurch Pathologische
Anatomie und Pathologische Physiologie einen gemeinsamen Ansatzpunkt erhielten.
Als 1858 die Cellularpathologie
in ihrer Begründung auf physiologische und pathologische Gewebelehre
schließlich in monographischer Form erschien, arbeitete Rudolf Virchow längst
wieder in Berlin. Seit 1856 war er nämlich Direktor des neugegründeten Pathologischen Instituts der Charité,
das eigens für ihn und seine Mitarbeiter errichtet worden war. Der preußische
Staat hatte endlich seine politischen Bedenken hintangestellt und Virchow die
akademische Position angeboten, die ihm zustand. 46 Jahre lang bis zu seinem
Tod am 5. September 1902 war er nun Chef dieses nach kurzer Zeit weltberühmten
Instituts, das rasch zum geistigen Zentrum der Pathologie und der
wissenschaftlichen Medizin wurde.
Natürlich gab es bald auch
inhaltliche Debatten und Kontroversen: Da für Virchow die Reaktion der Zelle
auf exogene Stimuli der für Gesundheit und Krankheit entscheidende Faktor war,
blieb er stets sehr reserviert gegenüber der seit den 1870er Jahren
aufkommenden Bakteriologie, die bestimmte Mikroorganismen als spezifische, d.h.
notwendige und hinreichende Krankheitsursachen ansah. Und lediglich als kluge
Hypothese bewertete er die nicht zweifelsfrei beweisbare Evolutionstheorie
(1859) von Charles Darwin (1809-1882). In beiden Fällen blieb Virchow der
zurückhaltende Skeptiker, der den einmal als richtig erkannten Weg der
nüchternen Tatsachenforschung nicht verlassen wollte.
Zunehmend faszinierte ihn nun auch
wieder die Politik: Seit 1859 war Rudolf Virchow Berliner Stadtverordneter,
1861 gehörte er zu den Mitbegründern der linksliberal-antiklerikalen Deutschen
Fortschrittspartei, 1862 wurde er Mitglied des Preußischen Landtages, und
von 1880 bis 1893 war er Reichstagsabgeordneter. Obgleich sonst ein erbitterter
Gegner Bismarcks, popularisierte Virchow 1873 den gegen die katholische Kirche
gerichteten Begriff Kulturkampf. Schon 1871 hatte er gesagt: "Jeder
Fortschritt, den eine Kirche in dem Aufbau ihrer Dogmen macht, führt zu einer
... Bändigung des freien Geistes; jedes neue Dogma ... verengt den Kreis des
freien Denkens ... Die Naturwissenschaft umgekehrt befreit mit jedem Schritte
ihrer Entwickelung ... Sie gestattet ... dem Einzelnen in vollem Maasse wahr zu
sein".
Rudolf Virchows unerfüllter
Wunschtraum - vielleicht sein Vermächtnis an die Nachwelt - blieb die
Konstituierung einer humanistischen Gesellschaft und einer sozialen Medizin,
die beide in Harmonie auf einer physiologischen, (natur)wissenschaftlich fundierten
Grundlage entstehen sollten. Das British Medical Journal vom 13.
September 1902 wandelte in seinem Nachruf auf Virchow als Zeichen der
Bewunderung den einst für Sir Isaac Newton (1643-1727) bestimmten Vers von
Alexander Pope (1688-1744) folgendermaßen ab: "Nature and Nature´s laws
lay hid in night; God said, Let Virchow be, and all was light".
Lit.: Schwalbe,
J. (Hg.), V.-Bibliographie 1843-1901, Berlin 1901; Rabl, M. (Hg.), R.V., Briefe
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