Der Einfluss sinnhaft-normativer Alltagsvorstellungen auf kriminelles Handeln. Erscheint in: Albrecht/Kania/Walter (Hrsg.): Alltagsvorstellungen von Kriminalität. Freiburg i. Br.


Milieus sind Personengruppen, die sich durch gruppenspezifische Existenzformen voneinander abheben. Sie sind Gemeinschaften der Weltdeutung, soziokulturelle Gravitationsfelder mit eigenen Wirklichkeiten, typischen Lebensstilen sowie unterschiedlichen Werten und Normen. Auf der Grundlage von zwei repräsentativen Bevölkerungsbefragungen wurde die Frage untersucht, ob die Milieuzugehörigkeit einen Einfluss auf kriminelle Aktivitäten hat. Dabei zeigten sich erhebliche Differenzen zwischen Milieus. Diese unterscheiden sich demnach nicht nur in Alltagsvorstellungen und Weltbildern, sondern auch hinsichtlich ihrer Handlungen, insbesondere krimineller Handlungen. Zudem wurden kausale Beziehungen zwischen milieucharakterisierenden Faktoren und Kriminalität untersucht. Dabei konnten deutliche Einflüsse struktureller Merkmale, Werte sowie der Akzeptanz von Normen auf Umfang und Schwere delinquenten Handelns nachgewiesen werden. Als Interpretation dieser Ergebnisse wird vorgeschlagen, diese Faktoren als Filter zu sehen, die jeder Handelnde verwendet, um die Komplexität seiner Umgebung zu reduzieren und eine Auswahl von Handlungszielen sowie der Mittel zur Zielerreichung zu treffen. Dadurch entstehen milieuspezifische Alltagsvorstellungen, Weltbilder und Handlungsmuster. Ein solches Modell kann nicht nur zur Erklärung kriminellen Handelns verwendet werden, sondern müsste auch in der Lage sein, Kriminalitätsfurcht sowie Einstellungen zu Kriminalität und Strafe zu erklären.