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Dieser Bericht
wurde in der Deutschen Apotheker Zeitung DAZ veröffentlicht, Heft
33, 2003, S. 89 ff.
Autoren: Jens Treutlein und Jens Schabacker
IPMB, Abteilung Biologie
Universität Heidelberg, Im Neuenheimer Feld 364, 69120 Heidelberg
Vom 29. Mai
bis 1. Juni diesen Jahres führte die Abteilung Biologie des Instituts
für Pharmazie und Molekulare Biotechnologie (IPMB) Heidelberg unter
der Leitung von Prof. Dr. M. Wink eine pharmazeutisch-botanische
Exkursion durch. Diese führte die Exkursionsgruppe, bestehend aus
Studierenden des 2. Semesters des Studienganges Pharmazie, in die
Vulkaneifel und das Hohe Venn. Für die Studenten war dies eine Gelegenheit,
im Rahmen ihres Studiums einheimische Gift- und Arzneipflanzen in
ihrem natürlichen Lebensraum sowie ihre Inhaltsstoffe und Anwendungen
kennen zu lernen.
Wasserfall
von Dreimühlen
Unser erstes
Exkursionsziel nach Ankunft in der Eifel war der Wasserfall von
Dreimühlen. Dieser liegt südlich der Ortschaft Ahütte und gilt als
der interessanteste Wasserfall der Eifel. Er ist durch Kalksinterablagerungen
von drei stark kalkhaltigen Quellzuflüssen des Ahbaches in wenigen
Jahrzehnten entstanden. Eine botanische Rarität stellt das vom Kalksinterblock
herab hängende Moos Cratoneuron commutatum dar. Durch das
Moos wird die Oberfläche, an der das Karbonat ausfallen kann, vergrößert,
und dadurch die Karbonatausfällung beschleunigt. Nach der Karbonatüberkrustung
stirbt das Moos ab und es bleiben Hohlräume übrig, die dem Kalksinter
seine typische Porosität geben. Das Moos entgeht der vollständigen
Überkrustung nur durch ein entsprechend schnelles Wachstum. Wegen
seiner Einmaligkeit wurde der Wasserfall von Dreimühlen - er ist
das nördlichste Kalksintervorkommen in Europa - zum Naturdenkmal
erklärt. In Umgebung des Wasserfalls wachsen eine Vielzahl pharmazeutisch
interessanter Pflanzen. Hier fanden wir die Echte Brunnenkresse
(Nasturtium officinale), eine Pflanze die in früherer Zeit
als Gemüse verzehrt wurde. Der scharfe Geschmack kommt durch Glukosinolate
zustande. Auch konnten wir größere Bestände der Pestwurz (Petasites
hybridus) und des Huflattichs (Tussilago farfara) entdecken.
Beide Pflanzen gehören zur Familie der Korbblütler. Die arzneiliche
Anwendung dieser Pflanzen wurde wegen ihres hohen Gehaltes an Pyrrolizidinalkaloiden
und deren carzinogener Metabolite vom BfArM verboten. Heute werden
allerdings wieder pyrrolizidinalkaloidfreie Präparate der Pestwurz
arzneilich genutzt: die gefährlichen Inhaltsstoffe werden durch
Extraktion mit flüssigem Kohlendioxid entfernt.
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Weiterhin
sahen wir in der Nähe des Wasserfalls den Eingriffeligen Weißdorn
(Crataegus monogyna). Dieser gehört zur Familie der
Rosengewächse und wird als bewährtes Herz-Kreislaufmittel,
z. B. bei alterbedingter Herzinsuffizienz, eingesetzt. Die
Droge enthält Flavonoide und oligomere Prozyanidine als Wirkprinzip.
Nahe des Wasserfalles wächst auch eine der giftigsten Pflanzen
unserer heimischen Flora: der blaue Eisenhut (Aconitum
napellus). Sein Gift, das Diterpenalkaloid Aconitin, wurde
früher als Pfeilgift genutzt. Heute noch wird der Eisenhut
homöopathisch bei Neuralgien eingesetzt.
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Magerrasen
bei Alendorf
Als zweiten
Exkursionspunkt des ersten Tages fuhren wir die bei Alendorf gelegenen
Magerrasen an, die überregional für ihren Orchideenreichtum bekannt
sind. Die Beerenzapfen des dort bestandsbildenden Wachholders (Juniperus
communis) werden wegen ihres Gehaltes an ätherischem Öl als
Diuretikum und Spasmolyticum eingesetzt. Zwischen den Wachholderbüschen
entdeckten wir als botanische Besonderheiten die Fliegenragwurz
(Ophrys insectifera), das Brandknabenkraut (Orchis ustulata),
das Mannsknabenkraut (Orchis mascula) und die Zweiblättrige
Waldhyazinthe (Platanthera bifolia) in voller Blüte. Die
Knollen der Knabenkräuter wurden in früherer Zeit nach der Signaturenlehre
als Aphrodisiakum eingesetzt. Ein wirksames Prinzip ließ sich hierfür
nicht finden. Eine Übernutzung und Ausrottung dieser seltenen Pflanzen
wäre wohl unausweichlich die Folge gewesen. Eine weitere, für den
Alendorfer Trockenrasen charakteristische Pflanze stellt die Küchenschelle
(Pulsatilla vulgaris) dar. Um viele Besonderheiten der einheimischen
Flora bereichert erreichten wir unsere Unterkunft, die Jugendherberge
der Stadt Daun, die auch den Ausgangspunkt für die weiteren Exkursionstage
darstellte.
Eifelmaare
Der zweite Exkursionstag
stand ganz im Zeichen der Eifelmaare. Diese wie runde Seen aussehenden
Wasserflächen stellen wassergefüllte Vulkankrater dar und sind als
solche typisch für das Gebiet der Vulkaneifel.
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vielen Stellen kommt hier die violett blühende Lupine (Lupinus
polyphyllus) vor, die eigentlich aus Nordamerika stammt
und sich in den letzten Jahrzehnten bei uns stark ausgebreitet
hat. Während die Art Lupinus polyphyllus Chinolizidinalkaloide
enthält, werden die Samenproteine alkaloidfreier Sorten anderer
Lupinenarten (Süßlupinen) als Sojaersatz verwendet. |
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Die auffälligste pharmazeutische Pflanze der Eifel bildet der
leuchtend gefärbte Besenginster (Cytisus scoparius),
dessen gelbe Blüten unter der Bezeichnung Flores Sarothamni
scoparii in früheren Zeiten als Droge erhältlich waren. Die
hauptsächliche Wirksubstanz, das Spartein, ist in der Droge
zu 0,2 bis 0,8 % vorhanden. Spartein hat diuretische, antiarrhythmische
und wehenfördernde Wirkung. |
| Am
Windsborn-Kratersee bei Bettenfeld, der zur Mosenberg-Vulkangruppe
gehört, studierten wir die einmalige Verlandungszone, in der
wir prächtige Fieberkleebestände vorfanden. Verwandtschaftlich
steht diese Pflanze den Enziangewächsen nahe und ist die Stammpflanze
der Droge Menyanthis Folium. Die Pflanze enthält Secoiridoid-Bitterstoffe
und findet in der Volksmedizin als Amarum bei Magen- und Leberleiden
Anwendung. Der Fieberklee trägt mit seinen langen Ausläufertrieben
zur Verlandung des Kratersees bei. Da es sich beim Windsborn-Kratersee
um ein nährstoffarmes Gewässer handelt, findet man dort nicht
die üblichen Röhricht- und Schwimmblattgürtel. Im vorigen Jahrhundert
wollte man diesen Kratersee entwässern, um an die mächtigen
Torflagen zu kommen. Doch glücklicherweise ist der Windsbornkratersee
bis heute ein wassergefüllter Vulkankrater geblieben, der Seltenheiten
wie den Fieberklee (Menyanthes trifoliata), das Blutauge
(Potentilla palustris) und das Gemeine Helmkraut (Scutellaria
galericulata) beherbergt. |
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Burg Manderscheid
Zwischen den
Maren fuhren wir als weiteres Exkursionsziel die mittelalterliche
Burg Manderscheid an. 1794 wurde die Niederburg der Burg Manderscheid
durch die französische Revolution zerstört. Die Ruine wurde dann
später vom Eifelverein wieder aufgebaut. Das Foto zeigt unsere Exkursionsgruppe
auf der Niederburg, im Hintergrund ist die Oberburg zu sehen.
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In der
Ruine findet man eine sehr spezielle Flora, die an die extremen
Temperaturschwankungen und Trockenheit angepaßt ist. Wir stießen
hier auf die seltene Osterluzei (Aristolochia clematitis),
die als Immunstimulans bei Erkältungen eingesetzt wurde. Sie
wird heute nicht mehr verwendet, da sich der Inhaltsstoff
Aristolochiasäure als carcinogen erwiesen hat. Trotzdem werden
in der heute so populären Traditionellen Chinesischen Medizin
weiterhin Pflanzen der Gattung Aristolochia eingesetzt.
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Der gelb-orangefarbene
Milchsaft des ebenfalls auf der Burg auftretenden Schöllkrauts
(Chelidonium majus) enthält die Isochinolinalkaloide
Chelidonin und Berberin. Die Pflanze galt nach der Signaturenlehre
als heilsam bei Leber- und Galleerkrankungen. Die Signaturenlehre
ist eine bis auf Urzeiten zurückgehende Heilmittellehre, die
optische Hinweise an der Pflanze zur Wirkstofffindung heranzog.
In diesem Fall wurde durch die Signaturenlehre ein wirksames
Prinzip durch Zufall richtig gewählt. |
Bragvenn
bei Ormont und Hohes Venn
Ganz andersartige
botanische Lokalitäten bildeten am dritten Exkursionstag die Hochmoorvegetation
des Bragvenns bei Ormont und des Hohen Venns. Hochmoore gehören
heute zu den gefährdetsten Pflanzengesellschaften Deutschlands.
Im Gegensatz zu den Niedermooren beziehen sie ihre Wasserzufuhr
rein ombrotroph (= regenwassergespeist) aus Niederschlag. Mit zunehmender
Mächtigkeit ihrer Torfdecke verlieren sie den Kontakt zum geologischen
Untergrund und damit zu dessen mineralischen Bestandteilen. Eine
Verarmung des Hochmoores an Mineralien ist daher die Folge. Die
Torfschichten entstehen durch die abgestorbenen Reste von Torfmoosen
der Gattung Sphagnum.
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den Randbereichen des Bragvenns fanden wir den seltenen Siebenstern
(Trientalis europaea) und den weltweit verbreiteten Adlerfarn
(Pteridium aquilinum). Die Jungtriebe des Adlerfarns
wurden früher in Japan gegessen. Neuere Forschungsergebnisse
aber verbieten einen Genuß dieses Gemüses, da die cancerogene
Verbindung Ptaquilosid in der Pflanze entdeckt wurde. Der Cyclopropanring
des Ptaquilosids wird in der Leber geöffnet und greift die Stickstoffatome
der Nukleotidbasen an, was Mutationen in der DNA hervorruft.
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Im
deutsch-belgischen Grenzgebiet zwischen Monschau, Eupen und
Malmedy erstreckt sich die weiträumige Moorlandschaft des Hohen
Venns. Das Plateau des Hohen Venns hebt sich um fast 250 m über
die bei 450 Höhenmetern liegende Rumpffläche der Eifel heraus.
Auf dem Wanderweg über das Moorplateau, ausgehend von der Baraque
Michel, fanden wir die gelben Blüten der Osterglocke (Narcissus
pseudonarcissus) und die Zwergsträucher Rauschbeere (Vaccinium
uliginosum), Heidelbeere (Vaccinium myrtillus) und
Preißelbeere (Vaccinium vitis-idaea). Die feuchte Meeresluft,
die über das belgische Flachland zieht, wird durch die Hochlage
des Venn-Massivs gezwungen, in größere Höhen aufzusteigen. Dabei
kühlt sie sich stark ab und bildet Wolken, die sich im Gebiet
des Venns abregnen. Mit seiner hohen Niederschlagsmenge ist
das Venn ist eines der regenreichsten Gebiete in Mitteleuropa,
was die Vorraussetzung für die Grundwasserunabhängigkeit, Elektrolytarmut,
und damit die Hochmoorentwicklung bildet. |
Kakusfelsen
Am vierten
Tag der Exkursion, auf der Rückfahrt nach Heidelberg, besuchten
wir noch einige Kulturdenkmäler und einen Orchideenstandort bei
Irrel. Der erste Halt galt dem Kartstein bei Euskirchen, der heute
Kakusfelsen genannt wird. Die Sehenswürdigkeit umfaßt neben altsteinzeitlich
von Menschen besiedelten Höhlen einen eisenzeitlichen Abschnittswall.
Auf diesem riegelt ein 100 m langer, halbkreisförmig angelegter
Abschnittswall das vordere Plateau der Hochfläche nach Westen hin
ab. Die gut erhaltene Anlage ist vermutlich in die jüngere vorrömische
Eisenzeit zu datieren (500 v. Chr. bis Chr. Geburt). Die Anlage
wurde 1991 unter Denkmalschutz gestellt.
Weitere kulturelle Besuche stellten der Klausbrunnen von Mechernich-Kallmuth
und die römische Eifelwasserleitung nach Köln dar. Mit 95,4 km war
sie eine der längsten Fernwasserleitungen im Imperium Romanum und
versorgte vom ersten bis dritten Jahrhundert n. Chr. die Römerstadt
Köln.
Trockenrasen
bei Irrel
Einen würdigen
Abschluß des letzten Exkursionstages bildete die Lokalität Irrel
nahe der luxemburgischen Grenze. Sie ist für ihren Reichtum an Trockenrasenarten
bekannt. Besonders beeindruckend waren die zahlreichen blühenden
Orchideen wie die Bocksriemenzunge (Himantoglossum hircinum),
die Hummelragwurz (Ophrys holoserica) und die grüne Hohlzunge
(Coeloglossum viride). Die Fruchtstände der im September
blühenden Herbstzeitlose (Colchicum autumnale) erinnerten
uns aber an den eigentlichen Zweck der Reise: Das Alkaloid der Herbstzeitlose,
das Colchizin, ist ein Hemmstoff der Zellteilung. Colchizin wurde
früher in der Tumortherapie verwendet und wird heute noch bei Gicht
eingesetzt. Weiterhin fanden wir hier den Purgier-Lein (Linum
catharticum), der früher in der Volksmedizin als Laxans Verwendung
fand.
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Über vier
Exkursionstage haben wir uns mit der heutigen und historischen
Nutzung von Arzneipflanzen beschäftigt. Dabei wurden die Tagesexkursionen
abends von Bestimmungsübungen begleitet, bei denen
das Identifizieren der Pflanzen mit Bestimmungsschlüsseln
einstudiert wurde. Obwohl die Studenten nun sicher noch keine
Experten auf dem Gebiet der heimischen Pflanzenwelt sind,
haben sie doch durch diese Exkursion eine ausbaufähige Basis
zum Erkennen und Bestimmen von Arzneipflanzen erhalten.

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Literatur:
- Denkmaltafeln
des Landschaftsverbands Rheinland, des Eifelvereins, der Geo-Route
Manderscheid und die Geo-Pfad Informationstafel beim Dreimühlener
Wasserfall.
- Schulz,
V. und Hänsel, R (1996) Rationale Phytotherapie, 3. Aufl. Springer.
- Burger,
A. und Wachter, H. (1998) Hunnius. Pharmazeutisches Wörterbuch,
8. Aufl. De Gruyter.
- Pott, R.
(1996) Biotoptypen. Schützenswerte Lebensräume Deutschlands und
angrenzender Regionen (Ulmer).
- Caspars,
N und Kremer, B.P. (1978) Das Hohe Venn. Rheinische Landschaften.
Schriftenreihe für Naturschutz und Landschaft. 1. Aufl. RVDL
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