Aus der Geschichte des Chemischen Universitätslaboratoriums zu Heidelberg
seit der Gründung durch Bunsen

von Professor Dr. Theodor Curtius und Dr. Johannes Rissom

Verlag Rochow

Kapitel: Das alte Laboratorium im Dominkanerkloster.

1818 siedelten Muncke und Gmelin mit ihren Laboratorien aus dem Kameralgebäude in das alte Dominikanerkloster in der Hauptstraße - an der Stelle des heutigen Friedrichsbaues - über, wo seit 1805 die Anatomie und Botanik untergebracht waren. Sie erhielten dort auch Dienstwohnungen. Vom unteren Stock nahm die Anatomie den nach der Straße und nach Osten gelegenen Teil ganz ein. An die Räume der Anatomie gliederte sich nach Nordosten das chemische Laboratorium, das nur aus zwei bescheidenen Zimmern bestand. Hier verblieb es bis zum Jahre 1850, in dem es mit Beginn des Sommersemesters in die Räume der Anatomie verlegt wurde, welche letztere im Garten des Klosters ein eigenes Gebäude erhalten hatte.

Der Neubau der Anatomie in der Nähe des chemischen Instituts scheint nicht im Sinne Gmelins gewesen zu sein, der sich gegen die damit verknüpfte Unannehmlichkeit für seine Dienstwohnung verwahrt und dem Curator der Universität ein Projekt für den Neubau eines chemischen Laboratoriums mit Dienstwohnung auf einem anderen Platze, der später von Bunsen wirklich benutzten "Bleiche hinter dem Riesen" in Vorschlag bringt. Für das Laboratorium standen jetzt genügend Räume zur Verfügung : zunächst ein vierfenstriger Arbeitssaal, welcher auf der rechten Seite des Einganges lag ; hinter demselben ein zweiter kleinerer Arbeitsraum und die Magazine für Materialien und Kohlen. Vom großen Arbeitssaal gelangte man in das sehr geräumige Auditorium, welches früher die Klosterkapelle gewesen war. Der Zugang für die Hörer lag an der südöstlichen Seite. Neben dem letzteren erstreckte sich nach Süden ein auf drei Seiten freistehender Flügel mit zwei Zimmern für den Direktor. An der linken Seite des Einganges zum Laboratorium befanden sich hintereinander zwei große Räume, und außerdem zog sich an der ganzen Nordseite eine geschlossene Halle entlang, welche zum Arbeiten verwendet werden konnte.

Den Umzug in diese neuen Räume leitete persönlich der damalige Assistent Gmelins, Dr. Bornträger. Die dem Chemischen Universitätslaboratorium zu Heidelberg zur Verfügung stehenden Mittel für sachlichen Aufwand und für Bedienung waren im Beginn des vorigen Jahrhunderts sehr geringe, wie auch die Gehälter der Lehrer nur eine bescheidene Höhe erreichten. So erhielt Gmelin für den Betrieb des Laboratoriums und für den dazu nötigen "Gehülfen" im Jahre 1817 300 Gulden. Später wurde eine besondere Besoldung des "Gehülfen" mit 100 Gulden bewilligt. Und als Gmelin im Januar 1833 anläßlich seiner Berufung nach Göttingen die Erhöhung des sachlichen Aversums auf 400 Gulden und für Anstellung eines Assistenten 100 Gulden anfordert und dazu eine einmalige Bewilligung von 600 Gulden zur Beschaffung einer guten Luftpumpe mit den dazu nötigen Apparaten, kann das Ministerium bei dem damaligen beschränkten Stande der Mittel der Bitte nicht willfahren; und erst im Februar des nächsten Jahres wird ein jährlicher Zuschuß von 100 Gulden statt der erbetenen 200 bewilligt.

Nach weiteren zwei Jahren, April 1836, bekommt Gmelin einen Assistenten, welcher mit 200 Gulden besoldet werden soll und zwar aus dem Gehalt des verstorbenen außerordentlichen Professors der pharmazeutischen Chemie und Pharmakognosie Geiger, dessen Stelle nicht wieder besetzt wird, da Gmelin das erstere Fach und Prof. Bischoff das zweite Fach zu vertreten sich erbieten. Diese Assistentenstelle wird dem Pharmazeuten Will aus Weinheim übertragen, welcher bisher bei Geiger assistiert hatte.

Seine Nachfolger in den nächsten neun Jahren waren: Kraus, Bolley, Erhardt, Posselt, Metzger, Clemm, v. Babo, Bopp, Knop; der letzte war Bornträger vom S.S. 1845 bis W.S. 1850/51, welcher sich im Winter zuvor in der philosophischen Fakultät für Chemie habilitiert hatte. Nachdem Gmelin im Herbst 1848 wegen seines Gesundheitszustandes aus der Dienstwohnung ausgezogen ist, werden das Jahr darauf von derselben zwei Zimmer dem Assistenten Bornträger zugewiesen. Außerdem bekommt letzterer für die vermehrten Geschäfte infolge der Krankheit des Direktors in den drei Jahren 1848-1850 je 100 Gulden aus dem Aversum und für die Besorgung des erwähnten Umzugs gleichfalls 100 Gulden Gratifikation.

Gmelins Gesundheit besserte sich nicht; im Frühjahr 1851 kam er um seine Pensionierung ein, die am 12. April genehmigt wurde.

Mit Leopold Gmelin, der, seit 1813 in Heidelberg für Chemie und Medizin habilitiert, fast 4 Dezenien als Professor an der Universität gewirkt hatte und am 13. April 1853 im Alter von 64 1/2 Jahren starb, verschwand eine in jeder Weise hochbedeutende Persönlicheit aus der Reihe der Hochschullehrer.

Ein schönes Denkmal hat ihm im Jahre 1851 Professor Zell gelegentlich seiner Rektoratsrede gesetzt. Während Gmelin als ordentlicher Professor in der medizinischen Fakultät die Chemie an der Universität vertrat, wirkte seit dem S.S. 1840 in der philosophischen Fakultät als Chemiker der Privatdozent Dr. med. et phil. Friedrich Wilhelm Hermann Delffs. Er wurde am 20. Januar 1843 zum außerordentlichen Professor ernannt. Gesuche der philosophischen Fakultät, ihm ein Ordinariat für Chemie zu beschaffen, wurden vom Ministerium im Einverständnis mit der medizinischen Fakultät dreimal abgelehnt.

Nach Gmelins Pensionierung wurde Delffs mit der provisorischen Leitung des Laboratoriums und dem Abhalten von Praktikum und Vorlesung betraut, bis Bunsen im Herbst 1852 das Ordinariat für Chemie in der philosophischen Fakultät und die Direktion des Akademischen Laboratoriums übernahm. Delffs' Assistenten waren : S.S. 1851 und W.S. 1851/52 Meier ; S.S. 1852 Flückiger.

Kurze Zeit nach Bunsens Ankunft wird zwischen der philosophischen und medizinischen Fakultät ein Einverständnis erzielt und Delffs zum Ordinarius für Chemie in der medizinischen Fakultät vorgeschlagen, da dieses Fach durch einen speziellen Lehrer vertreten sein müsse, dem für seine ihm von den klinischen Anstalten übertragenen Untersuchungen auch ein eigenes Laboratorium zur Verfügung stehe.

Am 23. April nächsten Jahres wird dann Delffs zum ordentlichen Professor mit der Verpflichtung zu Vorlesungen über pharmazeutische, organische, physiologische Chemie und Toxikologie, besonders in Beziehung zur gerichtlichen Medizin, mit 800 Gulden Gehalt ernannt, jedoch mit dem Vorbehalte, das er, soweit er eines Laboratoriums benötige, alle desfallsigen Kosten ohne Ausnahme, nötigenfalls auch diejenigen für das hierzu erforderliche Lokal, selbst zu bestreiten habe. Es ist anzunehmen, daß an Delffs zunächst die Räume, welche Gmelin von 1818-50 benutzt hatte, überlassen und von ihm mit seinem eigenen Inventar eingerichtet worden sind. Nach- dem Bunsen Ostern 1855 aus dem Dominikanerkloster ausgezogen war, erhielt Delffs dessen Räume.

Während der Zeit des Umbaues des Klosters zum heutigen Friedrichsbau hat er in dem der Universität gehörenden sogen. "Riesen"' Arbeitsräume inne gehabt. Im Herbst 1863 siedelt Delffs nach Vollendung des Friedrichsbaues in diesen und zwar in den östlichen Flügel des Erdgeschosses über. Für die Einrichtung werden 700 Gulden zur Verfügung gestellt. Diese Summe wird deshalb so gering bemessen, weil Delffs seine eigene Sammlung sowie Präparate und Apparate zu benutzen bereit ist.

Dieses Laboratorium, welchem kein Assistent, sondern nur ein Diener zugeteilt ist, wird im Adreßbuch vom W.S. 1864/65 ab als "chemisches Laboratorium der Universität" bezeichnet. Das Aversum war vom Herbst 1863 ab auf 400 Gulden jährlich festgesetzt. Praktika zeigte Delffs nur im Sommer an; die Leitung derselben hatte der Privatdozent Dr. Bornträger. Dieses chemische Laboratorium hat Delffs bis zum Herbst 1889 geleitet, als er in den Ruhestand trat. An seine Stelle wurde der Privatdozent Dr. Woldemar von Schröder als ordentlicher Professor für Pharmakologie und Direktor des pharmakologischen Instituts berufen; er erhielt die Räume des Delffs'schen Laboratoriums.