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Wolfgang Huber, der Prediger

Theo Sundermeier | Adobe Den Beitrag als PDF downloaden

 

 

Wolfgang HuberWolfgang Huber (Quelle: wikipedia commons; CC BY-SA 3.0 )

Wolfgang Huber:

Geboren am 12. August 1942 in Straßburg

1984-1994 Professor für Systematische Theologie (Ethik) in Heidelberg, Prediger im Universitätsgottesdienst 

 

Nein, aus einem Pfarrhaus stammt Wolfgang Huber nicht. Auch kirchlich bestand in seiner Familie keine enge Bindung. Die christlichen Feste wurden großbürgerlich als Familienfeste gefeiert. Ein Kirchenbesuch war nicht vorgesehen. Es war ein Akademikerhaus, juristisches Denken herrschte vor. Der Vater war einer der führenden Staatsrechtler des Dritten Reiches, Prof. in Straßburg, was dazu führte, dass nach dem Krieg die Mutter als Rechtsanwältin die Familie finanziell absichern musste, bis der Vater in den späten fünfziger Jahren wieder eine Anstellung als Hochschullehrer bekam. Wolfgang war der jüngste von fünf Brüdern und wie sein ältester Bruder hochbegabt. Mit 17 Jahren bestand er das Abitur. Er war der Lieblingssohn seines Vaters, doch über die Vergangenheit im Dritten Reich konnten weder er noch sonst jemand mit den Eltern sprechen. Das Thema war tabuisiert bis ein Enkel den Großvater unvoreingenommen zum Sprechen brachte.

Die Laufbahn eines Juristen wurde für Wolfgang wie selbstverständlich vorausgesetzt. Schließlich gab es nach Jahren zusammen mit den Eltern fünf promovierte Juristen in der Familie. Umso überraschender war sein Wunsch Theologie zu studieren. Aktive Mitgliedschaft bei den Christlichen Pfadfindern und vor allem die Begegnung mit Texten von Dietrich Bonhoeffer hatten in ihm diesen Wunsch geweckt. Um seine Absicht klären zu lassen, schickte der Vater ihn zu M. Heidegger, den der Vater aus inhaltlicher und räumlicher Nähe kannte. Es muss Heidegger irritiert haben, als Wolfgang ihm sagte, dass er in Heidelberg neben der Theologie auch bei Löwith (dem seinerzeit schärfsten Kritiker Heideggers) Philosophie studieren wollte.

Studium in Heidelberg, Göttingen und mit 23 Jahren Promotion in Tübingen über ein Thema der frühen Kirche (bei Eltester).

Bei der Hochzeit des ältesten Bruders trifft er 1964 Kara Kaldrack. Beim Tanzen verlieben sie sich, denn beide sind begabte Tänzer. 1966 heiraten sie. Sie haben 3 Kinder.

Nach der Zeit als Vikar in Nürtingen und Pfarramtsverweser in Reutlingen-Betzingen wird ihm von H.-E. Tödt eine Stelle an der Forschungsstelle FEST in Heidelberg, seinerzeit der Think Tank der EKD, angeboten. Die sozialethische Prägung durch Tödt, der so etwas wie ein geistlicher und geistiger Vater der Hubers wird, ist in seinen frühen Arbeiten deutlich spürbar. Bonhoeffer aber ist und bleibt der eigentliche geistige Vater.

Die Habilitation im Jahre 1972 mit dem Thema „Kirche und Öffentlichkeit“ bündelt in vieler Hinsicht die Themen, die seine spätere Arbeit gerade auch als Bischof der Kirche von Berlin-Brandenburg – Schlesische Oberlausitz (1994-2009) und Ratsvorsitzender der EKD (2003-2009) ausmachen. Mitarbeit beim Kirchentag, Mitglied im Nationalen Ethikrat, Impulsgeber für Denkschriften der EKD zu verschiedenen Themen, gesuchter Interviewpartner von Journalisten und Talkshows sind eben dies: Verwirklichung der Kirche als Kirche „für andere“ (Bonhoeffer), genauer bei Huber: als „Kirche für die Welt“. Diese Aufgabe der Kirche wird aber nicht wie in der Oekumene verstanden als kritisches Wächteramt, da dieser Begriff eine Differenz zwischen Kirche und Welt impliziert. Nein, die Kirche ist inmitten der Welt Teil von ihr und weiß sich ihr in Wort und Tat verbunden. Alles, was sie sagt, ist relational zur Welt, so wie der Trinitarische Gott in allem relational und kommunikativ zu der von ihm geschaffenen und geliebten Welt ist. Freiheit – ein zentrales Thema der Kirche, die „Raum und Anwalt der Freiheit“ ist, kann nur verstanden werden als „kommunikative Freiheit“. Theologie ist wesentlich „öffentliche Theologie“, ein Begriff, den Huber aus der amerikanischen theologischen Diskussion aufgreift und in einer von ihm herausgegebenen Reihe neu profiliert.

Dem Kaiser Verlag hatte ich 1985 vorgeschlagen statt der eingestellten „Theologische Existenz heute“ eine neue Reihe herauszugeben: „Ökumenische Existenz heute“. Auf die Frage, wen ich denn als Herausgeber mit ins Boot nehmen würde, kam nur Wolfgang Huber in Frage, der auch spontan zustimmte. (Er schlug dann als Dritten im Bunde D. Ritschl vor.) Öffentlichkeit schließt für ihn immer auch die Ökumene weltweit ein. Impulse von den Theologien Südafrikas und Lateinamerikas wurden stringent verarbeitet.

Wolfgang Huber gilt vielen als distanziert, kühl. Gewiss, die warme Leutseligkeit von Kardinal K. Lehmann, mit dem er sehr gut und viel zusammenarbeitete und persönlich befreundet ist, hat er nicht. Doch was als Kühle verstanden wird, ist eine aufmerksame intellektuelle Wachheit, die sich auf das Gegenüber mit Neugier und Empathie einlässt, die akademisch im Streitgespräch mit Witz und Humor argumentiert und jedes Wort abwägt.

Dazu gehört die Fähigkeit zu verlässlicher Freundschaft, zu der auch ein wechselseitiger seelsorgerlicher Austausch gehört. Die Zusammenarbeit in unseren gemeinsamen Dekanatsjahren ist von kreativer Kollegialität und Freundschaft geprägt. Wichtige Entscheidungen konnten durchgeführt werden, u.a. die Vorschrift, dass Dissertationen nicht länger als max. 300 Seiten sein dürfen. Die Doktorväter und -mütter haben die Pflicht, dass nach eineinhalb Semestern nach Einreichung der Arbeit die Gutachten vorliegen müssen – und nicht erst nach 1 oder gar 2 Jahren, wie es gelegentlich in verschiedenen Fakultäten vorkam.

Wie seine Person und seine Theologie in der Öffentlichkeit wirken, dafür mag ein Satz von Frank-Walter Steinmeier stehen, das am Ende des Vorwortes zu der Biographie von Wolfgang Huber (von Ph. Gessler, 2017) steht: „Wolfgang Huber ist mir Ratgeber, Mahner und Wegweiser. Und: Er ist ein Freund. Für diese Freundschaft bin ich sehr dankbar.“

Der Lackmustest öffentlicher Theologie ist die Predigt. Wolfgang Huber bereitete seine Predigten schriftlich vor, nur so war er in seinen Bischofszeiten sicher, dass niemand von der Presse seine Worte später verdrehen konnte. Wirkten die Predigten auch in der Öffentlichkeit und nicht nur in der Gemeinde? Nach dem 11. September 2001 predigte er in einem ökumenischen Gottesdienst im Dom und am nächsten Morgen in der Berliner St. Hedwig Kathedrale. Beim Empfang zu Hubers 70. Geburtstag sagte der ehemalige Bundeskanzler G. Schröder: Es war die Predigt von Bischof Huber, die mich in meinem Beschluss bestärkte, nicht in den von Präsident Bush initiierten Krieg im Irak zu ziehen. Und sie bestärkte mich, dem Druck der USA Alliance weiterhin nicht nachzugeben.

Die folgende Predigt hat Wolfgang Huber kurz nach einem Besuch in den USA und der ihn sehr berührenden Begegnung mit der Bürgerrechtsbewegung des damals schon verstorbenen M.-L. King gehalten. Es ist ein Kennzeichen seiner Predigten, dass er unmittelbare Erfahrungen in die Predigt aufnimmt, in überzeugend verobjektivierter Form.

Die Predigt über 2. Mose 20,2 hat er am 8. Juli 1990 in der Peterskirche in Heidelberg gehalten. Sie entspricht im Aufbau und Stil vielen seiner Predigten (vgl. dazu W. Huber, Gottes Wort halten, Liebe üben und demütig sein vor deinem Gott. Edition Chrismon 2010). Sie könnten in vielfacher Hinsicht in einer Predigtlehre als Muster dienen.

Nach einem kurzen „Aufhänger“, der die Aufmerksamkeit der Hörer weckt und zugleich thematisch in die Predigt einführt, folgt eine Diskussion zum ursprünglichen Kontext des Textes. Dieser Rückblick ist jedoch nie nur ein historischer Rückblick, eventuell auch kritisch, sondern allein durch die Sprache wird der „Garstige Graben“ der Geschichte überbrückt, sondern das Vergangene wird transparent zur Gegenwart. Um die Hörer nicht zu überfordern, gilt die Regel, die Predigt solle möglichst nicht mehr als drei unterschiedliche Punkte behandeln. Doch Wolfgang Huber arbeitet diesmal fünf Aspekte heraus. Mnemotechnisch geschickt verweist er auf die fünf Finger, so dass man später mit ihrer Hilfe den Inhalt der Predigt rekapitulieren kann. Es ist sinnvoll, wenn die „Applikatio" nicht erst am Ende der Predigt laut wird. So verweisen alle fünf Punkte auf verschiedene Weise auf die Aktualität des Textes. Vor der Gefahr, über den Text moralisierend zum Thema „Lügen“ zu predigen (so wird das 8. Gebot ja meistens verstanden) bewahrt ihn sein juristisches Wissen. Es hilft ihm, den Text in neuer Tiefe auszuloten und für heute anwendbar zu machen. Dabei ist seine Sprache präzise und pointiert, aber so, dass die klare Sprache voller Obertöne ist, die das Zuhören und Nachdenken bereichern.

Ein Prediger predigt nicht nur anderen, sondern mit jeder Predigt auch sich selbst. Für Wolfgang Huber trifft das in erkennbarem Maße zu. Das zeigt der letzte Abschnitt der Predigt. Ich kann mich nicht erinnern, dass er jemals über einen abwesenden Menschen sich negativ oder abfällig geäußert hat, auch dann nicht, wenn ich ahnte, was er eigentlich von ihm dachte. Wenn er sich in Fakultätssitzungen zu einem abwesenden Kollegen kritisch äußerte, leitete er seinen Beitrag mit dem Satz ein: „Was ich jetzt sage, würde ich genau so in der Gegenwart des Kollegen sagen“.

Der Lehrer und Prediger Wolfgang Huber war immer auch Seelsorger.

 

Predigtbeispiel: Predigt über 2 Mos 20,2 im Universitätsgottesdienst in der Heidelberger Peterskirche am 8. Juli 1990.


 

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Letzte Änderung: 13.08.2017
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