Laufende Dissertations- und Habilitationsprojekte

Dissertationsprojekte

 

Jonas Gerwing

In Times of Socialism’s Waning Star – The Aesthetics of Glasnost and the Cultural Demise of Socialism in the late 1980s. A comparative, cultural analysis of the official literary scene in the Soviet Union and the German Democratic Republic

 


Jasmin Söhner

Politisierung und Praxis der deutsch-sowjetischen Justizkooperation im Kalten Krieg
 


Wolfgang Schneider

Sowjetische Kollaborationsprozesse gegen Judenräte und Ghettopolizisten

Das Dissertationsprojekt untersucht sowjetische Strafverfahren gegen Judenräte und Ghettopolizisten, die der Kollaboration mit dem NS-Regime und seinen Verbündeten beschuldigt wurden. Diese Verfahren werden als Interaktionsraum zwischen jüdischer Minderheit und sowjetischem Staat analysiert.

Allein zwischen 1943 und 1953 wurden in der Sowjetunion ca. 300 000 Personen angeklagt, mit den Achsenmächten kollaboriert zu haben, darunter auch mindestens 200 Judenräte und Ghettopolizisten. Diese Verfahren sind bisher vollkommen unerforscht. Diese Lücke schließt das Dissertationsprojekt. Analysiert werden übergreifende Muster aller Prozesse, regionale Gemeinsamkeiten der jeweiligen Sowjetrepubliken, sowie lokale Besonderheiten einzelner Fälle. Die Arbeit ist folglich als komparative Mikrogeschichte konzipiert. Judenräte und Ghettopolizisten werden in einer moralischen Grauzone verortet und in der historiographischen Betrachtung in erster Linie als Opfer begriffen (Primo Levi). Die Untersuchung stützt sich primär auf die Prozessakten des NKVD aus Moldawien, Russland, der Ukraine und Weißrussland, sowie auf Zeitzeugeninterviews mit Überlebenden der jeweiligen Ghettos.

Eingenommen wird sowohl die Perspektive „von oben“, also die des sowjetischen Justizapparats, als auch diejenige „von unten“, also die der Zeugen, selbst fast sämtlich Überlebende der jeweiligen Ghettos. In Anlehnung an Ernst Fraenkel wird dem sowjetischen Justizapparat idealtypisch eine Doppelfunktion zugewiesen: Politische Repression einerseits, Aufrechterhaltung der normativen Ordnung und Legitimation staatlicher Herrschaft andererseits – Maßnahmenstaat versus Normenstaat. Die Legitimationsfunktion der „demonstrativen Legalität“ der Verfahren diente dem Sowjetstaat zusammen mit ihrer Repressionsfunktion zur Resowjetisierung der rückeroberten Gebiete. Paradoxerweise boten gerade die geschlossenen sowjetischen Kollaborationsprozesse eine halböffentliche Sphäre, in denen die Bevölkerung ihre Erlebnisse aus der Besatzungszeit diskutieren und verarbeiten konnte. Mit ihren Beschreibungen ihrer Erlebnisse im Ghetto lagen die Zeugen oft konträr zum sowjetischen Erinnerungsdiskurs, der den Holocaust in den Topos der „Opfer aus den Reihen der friedlichen Sowjetbürger“ auflöste. Dennoch war dies oft keine Form von Opposition gegen die Sowjetunion – die Subversion koexistierte mit einer prinzipiellen Loyalität zum Staat. Die Zeugen werden folglich weder als passiv aus der Geschichte herausgeschrieben, noch als per se widerständig verklärt. Herauszufinden ist, wie das Verhältnis von Juden und Sowjetstaat sich in den Verfahren darstellte und wie sich Veränderungen der Judenpolitik hierauf auswirkten, beispielsweise die antisemitischen Kampagnen des Spätstalinismus.

 


Marina Shcherbakova

Soviet Jewish museums within the framework of the national policies of the USSR

The brief flourishing of Soviet Jewish ethnography in the interwar period was facilitated by two concurrent phenomena: the implementation of Bolshevist nationality policies in the 1920’s – 1930’s and revolutionary-era debates about Jewish national identity and Jewish cultural heritage. The confluence of these two developments profoundly advanced the museological and scholarly study of Jewish art and objects of Jewish material culture in the first decades of Soviet power. This scholarship developed as a logical extension of earlier studies in the field of Jewish history and ethnography as they were re-interpreted in the 1920-s within the framework of Soviet ideology. However, it reached far beyond the romanticism of the ethnographic discourse in the Jewish nationalist polemics of the late Imperial period and received its fundamental significance as one of the cultural technologies of rule in the Soviet Union.

The active stage of Jewish museology from the mid-1920’s to the early 1930’s resulted in outstanding collections presented in the Jewish museums of Samarkand, Odessa and Tiflis. Soviet authorities, however, regarded the Jewish ethnographic project rather as an instrument of propaganda, the promotion of atheism and nationalization, and sociological information acquisition and control. Jewish museums and exhibits served as an important vehicle for promoting the ideas of the Soviet political and academic leadership, and this controversial cooperation between scholarship and ideology in the field of Judaica is the leading question of this dissertation. Of special interest are the strategies of establishing a new sense of national community and shaping the narrative of Soviet Jewish culture and collective history. Marina Shcherbakova will provide insights into the dynamics of the Soviet Jewish museology in its transnational dimensions -- in Usbekistan, Ukraine and Georgia – and will consider the role of Jewish ethnography within the broader Soviet anthropological discourse.

Post-Doc-Projekte

Timo Hagen, M.A.
Gemeinschaftsbauten als "gemeinsames Bauerbe". Siebenbürgisch-sächsische Schul-, Pfarr- und Gemeindehäuser um 1900 und nach der Auswanderung

Das Forschungsprojekt beschäftigt sich mit der gemeinschaftsstiftenden Rolle von Architektur in den heterogenen Milieus des östlichen Europa im langen 19. Jahrhundert und untersucht den Status und die Wahrnehmung solcher Bauten nach den Bevölkerungsverschiebungen der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts, welche die Auflösung der Gemeinschaft, für die die Bauwerke ursprünglich bestimmt waren, bewirkten.

Untersuchungsgegenstand sind Schul-, Pfarr- und Gemeindehäuser, die von evangelischen Stadt- und Landgemeinden der deutschsprachigen Sachsen in Siebenbürgen errichtet wurden. Infolge von Enteignungen im kommunistischen Rumänien und der Auswanderung eines Großteils der Sachsen in die BRD nach 1989 wurden viele dieser Bauten neuen Bestimmungen zugeführt oder sind durch Leerstand und Verfall bedroht.

Im Rahmen des Projekts soll die gegenwärtige Nutzung solcher Bauten durch die örtliche, heute überwiegend aus meist orthodoxen Rumänen und Roma gebildete Bevölkerung ebenso in den Blick genommen werden, wie der Umgang der staatlichen rumänischen Denkmalpflege mit diesem architektonischen Erbe. Ein besonderes Augenmerk gilt Kulturguterfassungskampagnen, die in den  1990er Jahren auf sächsische Initiative und mit bundesdeutscher Finanzierung von Experten aus Deutschland und Rumänien in den ehemals sächsischen Siedlungen durchgeführt wurden, ihren  Intentionen und Auswirkungen.

Die Freilegung der ursprünglichen gesellschaftlichen Bedeutungsdimensionen der (ehemaligen) Gemeinschaftsbauten ist notwendige wissenschaftliche Grundlage für einen erneuten Dialog über die Erhaltung eines schrumpfenden Baubestands, der das Potential besitzt, zum „gemeinsamen Bauerbe“ der unterschiedlichen Akteure und Bestandteil ihrer jeweiligen Erinnerungskultur zu werden.
 

 

Seitenbearbeiter: E-Mail
Letzte Änderung: 02.06.2017
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