Seminar

Muwi Anfänge der Musikwissenschaft in Heidelberg

Ludwig Nohl, ursprünglich Jurastudent, dann Musiklehrer in Heidelberg, habilitierte sich 1860 mit einer biographischen Arbeit über Mozart und erhielt die venia legendi für das Gebiet der Ästhetik der Tonkunst. Zwischenzeitlich in München lehrend und frei publizistisch tätig (Ausgabe von Musikerbriefen, Biographien Mozarts, Beethovens u.a.) kehrte Nohl 1872 als Privatdozent nach Heidelberg zurück und lehrte hier bis zu seinem Tod 1885 Geschichte und Ästhetik der Musik. 1881 erhielt er den „Charakter eines außerordentlichen Professors” zuerkannt.

Philipp Wolfrum (1898–1919)

Die Berufung Wolfrums als „Hilfslehrer” für den Musikunterricht an das Evangelisch-theologische Seminar folgte der Initiative Heinrich Bassermanns, Universitätsprediger und Ordinarius für Praktische Theologie. 1885 wurde Wolfrum zum Akademischen Musikdirektor ernannt, 1894 zum Universitätsmusikdirektor. Nach akademisch-wissenschaftlicher Qualifizierung (1891 Promotion) konnte Wolfrums Lehrtätigkeit (bereits seit 1888 mit dem Titel „außerordentlicher Professor”) 1898 in eine etatmäßige Professur an die Philosophischen Fakultät übergeführt werden. Seit 1917 lehrte er hier als ordentlicher Honorarprofessor. Wolfrums öffentlich-praktisches Wirken steht im Kontext der Gründung des Heidelberger Bachvereins von 1885 (1907 Titel „Generalmusikdirektor”).

Anfänge und Geschichte des Musikwissenschaftlichen Seminars

Mit Wolfrums Tod konnte die Musikpraxis von der Musikwissenschaft, einer nachdrücklichen Forderung der Studierenden entsprechend, personell getrennt werden. Der Ruf auf die Heidelberger musikwissenschaftliche Professur erging zunächst an Hermann Abert in Halle, der dann aber die Nachfolge Riemanns in Leipzig antrat. 1920 erhielt Theodor Kroyer den Ruf auf das Heidelberger etatmäßige Extraordinariat, zunächst mit der Amtsbezeichnung „ordentlicher Honorarprofessor”, zwei Jahre später (als „persönlicher Ordinarius”) mit Amtsbezeichnung und akademischen Rechten eines ordentlichen Professors. 1923 folgte Kroyer einem Ruf nach Leipzig. Kroyer begründete insbesondere die Tradition der Erforschung der älteren Musikgeschichte, die von seinen Nachfolgern weitergeführt und zunehmend zur Neuzeit hin erweitert wurde: Hans Joachim Moser (1925–1927, frühes deutsches Lied), Heinrich Besseler (1928–1945, Musik des Mittelalters und der Renaissance und deren Bezüge zur Gegenwart), Thrasyboulos G. Georgiades (1948–1956; 1955 Umwandlung der Professur in ein Ordinariat; Beziehungen zwischen Musik, Sprache und Rhythmus), Walter Gerstenberg (1958, Editionsphilologie), Reinhold Hammerstein (1963–1980; Ikonographie und mittelalterliche Musik), Ludwig Finscher (1981, emeritiert seit 1995, Musikgeschichte des 15./16. Jahrhunderts und der Klassik, Gattungsgeschichte) bis Silke Leopold (1996, emeritiert seit 2014, Geschichte der Oper, italienische Musik des 16.-18. Jahrhunderts, Händel und Mozart) und Inga Mai Groote (seit 2015).

Neben dem Ordinariat wurde 1964 eine weitere Professur eingerichtet, die nach Siegfried Hermelink (Bach und Lasso), Wilhelm Seidel (Senfl, Geschichte der Musiktheorie) und Herbert Schneider (französische Musikgeschichte) seit 1997 Dorothea Redepenning innehat. Die Tradition des Universitätsmusikdirektors wurde in der nach dem Tod Wolfrums eingetretenen Trennung des Amtes von der Professur für Musikwissenschaft durch Hermann Poppen, Siegfried Hermelink, Gunther Morche, Heinz-Rüdiger Drengemann und Michael Sekulla fortgesetzt.

Honorarprofessoren des Instituts: Prof. Dr. Ewald Jammers (ab 1956, zugleich Leiter der Handschriftenabteilung der UB) und Prof. Thomas Hampson (seit 2013).

Hedwig Marx-Kirsch-Stiftung

In das Jahr 1921 fällt die eigentliche Gründung des Musikwissenschaftlichen Seminars der Universität Heidelberg in den heutigen Räumen der Augustinergasse 7. Den Grundstock der Seminarbibliothek legte eine Stiftung des Mannheimer Bankiers Hofrat Hermann Albert Marx im Gedenken an seine früh verstorbene Gattin, die seinerzeit hochgeachtete Pianistin Hedwig Marx-Kirsch (1884–1920). Das Stiftungsvermächtnis umfasst über die finanziellen Zuwendungen hinaus die dauerhafte Aufstellung der Musikbibliothek der Verstorbenen in den Räumen des Seminars mit wissenschaftlicher Standardliteratur und umfangreichen Notenbeständen, darunter Erstdrucken aus dem achtzehnten und neunzehnten Jahrhundert sowie rund fünfhundert Opernklavierauszügen. 1922 erhielt Hermann Albert Marx, inzwischen in Berlin lebend, die Würden eines Ehrenbürgers und Ehrensenators der Universität und 1923 den Doktor h.c. der Philosophischen Fakultät. Marx seinerseits bedankte sich mit einer beträchtlichen Zustiftung und weiteren Zuwendungen bis 1933. Anfang 1937 nahm Marx sich das Leben. Die jährlichen Zuweisungen und Sondermittel der Stiftung stehen bis heute der Heidelberger Seminarbibliothek zur Verfügung, in ehrendem Andenken an den Stifter und die seiner Stiftung im Namen verbundene Künstlerin.

Forschung und Lehre heute

An der Universität Heidelberg konzentrieren sich, wie an den meisten Universitäten der Bundesrepublik, Lehre und Forschung auf die europäische Musikgeschichte. Eine besondere Tradition besitzt das Seminar in der Erforschung der Musikgeschichte des Mittelalters, der Renaissance und der Musik der Wiener Klassik. Durch die gegenwärtig am Seminar lehrenden Professoren und Dozenten sind zusätzliche Forschungsschwerpunkte vertreten, insbesondere im Bereich der italienischen und französischen Musik des 16./17. und 19. Jahrhunderts sowie der russischen Musikgeschichte und der Geschichte der Musiktheorie. Das Seminar ist bestrebt, in der Lehre ein möglichst breites musikwissenschaftliches Themenspektrum aus allen Epochen der Musikgeschichte einschließlich der neueren und neuesten Musik anzubieten.

Literaturhinweise zur Institutsgeschichte:

Thomas Schipperges: Musiklehre und Musikwissenschaft an der Universität Heidelberg. Die Jahre 1898 bis 1927, in: Musik in Baden-Württemberg. Jahrbuch 5 (1998), S. 11-43

- ders.: Musikwissenschaft versus Musikunterricht an der Universität Heidelberg. Marginalien zu einer Debatte der zwanziger Jahre (zugleich ein Beitrag zur Geschichte der Hedwig Marx-Kirsch-Stiftung, in: Musik in Baden-Württemberg. Jahrbuch 10 (2003), S. 229-247

- ders.: Die Akte Heinrich Besseler. Musikwissenschaft und Wissenschaftspolitik in Deutschland 1924 bis 1949, München 2005

 

Seitenbearbeiter: Julian Kessler
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Letzte Änderung: 06.10.2015
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