Public History & Theater

Projektteam: Prof. Dr. Cord Arendes, Nils Steffen, Anna Valeska Strugalla

Projektidee

Die Lehrprojektreihe „Public History & Theater“ verbindet die eigenständige Forschung von Studierenden mit der Vermittlung ihrer Forschungsergebnisse – und zwar mit den Mitteln des Theaters. Die Studierenden entwickeln zu Beginn eines Projektes eine individuelle Forschungsfrage, die an eigenen Interessen und ersten Quellenfunden ausgerichtet ist. Die TeilnehmerInnen durchlaufen in diesem Abschnitt des Projekts einen vollständigen Forschungsprozess: Zur Beantwortung ihrer Forschungsfrage gehen sie in Archive und Bibliotheken, recherchieren Quellen, werten diese aus und betten die Erkenntnisse in den aktuellen Forschungsstand ein. Ihre Forschungsergebnisse stellen die Studierenden innerhalb des Projektkurses zur Diskussion. Zu den Aufführungen der szenischen Lesung in Heidelberg erscheinen wissenschaftliche Begleitpublikationen, in denen die Studierenden ihre Forschungsergebnisse präsentieren. Die Projektveröffentlichungen dienen zum einen der Dokumentation der studentischen Leistungen, bilden aber auch einen Beitrag zur Forschung: Die Texte und Quellen spiegeln die Erkenntnisse der NachwuchsforscherInnen wider, richten sich aber explizit nicht nur an ein wissenschaftliches Publikum, sondern an eine interessierte Öffentlichkeit – insbesondere an die BesucherInnen der szenischen Lesungen.

Die szenischen Lesungen als Weg zur Vermittlung historischer Quellen werden in einem eigenen Projektabschnitt erarbeitet: Gemeinsam mit DramaturgInnen, RegisseurInnen und TheaterpädagogInnen der Theaterwerkstatt Heidelberg entwickeln die Studierenden zunächst Ideen zur Inszenierung der historischen Quellen: Welche „Geschichte(n)“ soll(en) erzählt werden? Welche Quellen werden auf der Bühne aufgeführt? Welchen Mittel (Licht, Musik, Ton etc.) finden dabei Verwendung? Und welche Folgen hat das Format der Inszenierung auf die Wahrnehmung der Quellen? Im Rahmen dieses Projektabschnittes reflektieren die Studierenden über den Konstruktionscharakter der Aufführung historischer Quellen und ihre eigenen Projekterfahrungen als HistorikerInnen und Theaterschaffende. Während im ersten Projekt („Lästige Ausländer“) professionelle SchauspielerInnen die historischen Quellen auf der Bühne präsentiert haben, standen die Studierenden im zweiten Projekt (John Lennon) selbst auf der Bühne. Die Studierenden wurden mit einem Stimm- und Spieltraining auf diese ungewohnte Aufgabe vorbereitet. So sammelten sie nicht nur Erfahrungen im Bereich der Forschung, sondern auch im Bereich der Vermittlung. Der neue Erfahrungshorizont wurde jeweils in gemeinsamen Sitzungen mit den Studierenden reflektiert.

 

Projekt „Geflüchtet – unerwünscht – abgeschoben. ‚Lästige Ausländer‘ in der Weimarer Republik (2016)

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Wussten Sie, dass Geflüchtete in den 1920er Jahren als „lästige Ausländer“ ausgewiesen wurden? Dass erstarkende populistische Parteien die Ängste der Bevölkerung nutzten, um ihre völkischen Ideen zu verbreiten? Dass in Preußen und Bayern in der Zeit der ersten deutschen Demokratie bereits Konzentrationslager für abzuschiebende Migranten eingerichtet wurden?

Um diese und viele andere Fragen ging es in dem ersten Projekt der Reihe „Public History & Theater“. Unter dem Titel „Geflüchtet, unerwünscht, abgeschoben – „Lästige Ausländer“ in der Weimarer Republik“ haben Studierende der Universität Heidelberg in einem Lehrprojekt unter Leitung von Nils Steffen historische Dokumente, Briefe, Parlamentsdebatten und Zeitungsartikel aus den Archiven und Bibliotheken der Region aufgespürt, die dieses fast vergessene Kapitel der Migrationsgeschichte wieder sichtbar machen. Das Lehrprojekt ist angesiedelt an der Professur für Angewandte Geschichtswissenschaft – Public History von Cord Arendes, denn es geht nicht nur um studentische Forschung, sondern auch um deren Vermittlung. So haben die Studierenden unter Leitung von Wolfgang G. Schmidt (Inszenierung) und Babette Steinkrüger (Dramaturgie) Ideen entwickelt, wie diese historischen Quellen auf der Bühne zum Sprechen gebracht werden können.

Wer war „nützlich“ und durfte bleiben, wer war „lästig“ und musste gehen? Diese Zuschreibungen entschieden in der Weimarer Republik über Schicksale vieler AusländerInnen. Die damaligen Debatten waren nicht geprägt von Begriffen wie Flüchtlingskrise, Wirtschaftsflüchtlinge und Transitzonen, vielmehr bestimmten die „Flüchtlingsplage“, die Figur des „lästigen Ausländers“ und die Einrichtung von „Konzentrationslagern“ den öffentlichen Diskurs – eine Folge der Neuordnungen nach dem Ersten Weltkrieg, die rund 10 Mio. Flüchtlinge, Vertriebene und Umsiedler in Europa in Bewegung setzte. „Grund der Ausweisung: Lästiger Ausländer“ hieß es auf zahlreichen Bescheiden. Ohne Angabe weiterer Gründe konnten die Betroffenen von den Behörden ausgewiesen werden. Rechtsmittel dagegen gab es keine; sie konnten einzig ein Gnadengesuch an die Landesregierung richten. Ihr Schicksal war ein Verwaltungsakt.

Im Rahmen des Lehrprojektes wurden der heute wieder besonders aktuellen Frage nachgegangen, wie die Gesellschaft mit MigrantInnen umging. Wer durfte bleiben und wer musste gehen? Wie agierte die Politik? Wie waren Ausweisung und Abschiebung juristisch geregelt und praktisch durchgeführt? Welchen Einfluss hatte die rigide Ausweisungspolitik der Weimarer Republik auf die individuellen Migrationsbiografien? „Lästige Ausländer“ hatten keine Lobby. Ihr Leben in Deutschland, ihr Kommen und Gehen hinterließ in vielen Fällen kaum Spuren, die heute noch nachweisbar sind.

Eine Spurensuche bedeutet daher zunächst eine Suche nach zeitgenössischen Stimmen über diese Menschen, beispielsweise in der Presse, in Parlamentsdebatten, aber auch in Verwaltungsvorschriften von Polizeibehörden. Um individuelle Schicksale sichtbar zu machen, braucht es jedoch die Stimmen der Ausgewiesenen selbst. Sie sind nur spärlich überliefert, z.B. in Gnadengesuchen an Landesregierungen. Diese enthalten z.T. autobiografischen Skizzen, Gründe für ein Bleiben, Fürsprachen Dritter und die jeweiligen Reaktionen der Behörden darauf.

In einer Reihe von Aktivitäten hat das Projekt Einzelschicksale Geflüchteter und die öffentlichen Debatten über die sogenannten „Ostjuden“ rekonstruiert:

(1) Im Fokus stand die Konzeption und Realisierung einer szenischen Lesung: Studierende entwickelten gemeinsam mit der Theaterwerkstatt Heidelberg anhand didaktischer Maßstäbe ein Konzept zur Vermittlung historischer Forschung. Die Lesung setzt sich zum Ziel Projektions- und Spiegelungsfläche für eigene Erfahrungen und erlebten gesellschaftlichen Wandel in der Gegenwart zu sein. Sie richtet sich an eine interessierte Öffentlichkeit, besonders aber an SchülerInnen und übernimmt damit eine Scharnierfunktion zwischen Vergangenheit und Gegenwart: Anhand der Quellen werden Parallelen zur gegenwärtigen Lage von Geflüchteten erkennbar. Zugleich regt die multiperspektivische Quellenauswahl die Methodenkompetenz der SchülerInnen an: Unterschiedliche Meinungen und Haltungen historischer Akteure zeigen die Kontroversität in der Deutung historischer Wirklichkeiten und geben damit kritisch-reflexive Denkanstöße zur Analyse der Gegenwart.

(2) Forschendes Lernen der Studierenden: Die Studierenden entdeckten das Archiv als Labor des Historikers. Die Archivarbeit ermöglicht einen direkten und intensiven Kontakt zu historischen Quellen. Deren ursprüngliche, unbearbeitete Form regt die Suche nach eigenen Fragestellungen an. Das Projekt ermöglichte es den Studierenden, anhand eigener Interessen Fragen an das Material zu formulieren, regionalhistorische Quellen zu kontextualisieren, Parallelen und Diskrepanzen zur Gegenwart zu erkennen und die Erkenntnisse zu veröffentlichen. Auf einem gemeinsamen Workshop der Universität Heidelberg und Hamburg, hatten sie die Möglichkeit, ihre Ergebnisse und Quellen einem Fachpublikum vorzustellen sowie Besonderheiten und Gemeinsamkeiten der Regionalgeschichten zu diskutieren.

(3) Workshops mit SchülerInnen: In Zusammenarbeit mit regionalen Schulen haben Klassen in theaterpädagogischen Workshops ihren Besuch der Lesung vor- und nachbereitet.

(4) Begleitband: Die Forschungen der Studierenden wurden gemeinsam mit kommentierten und kontextualisierten Quellen in einem Begleitband veröffentlicht – und damit auch nachhaltig für den Schulunterricht und die Wissenschaft nutzbar gemacht. Der Band ist online einseh- und bestellbar: http://dx.doi.org/10.11588/heibooks.182.241

(5) Aufzeichnung: Die Lesung wurde aufgezeichnet und steht online zur Verfügung: https://www.youtube.com/watch?v=fBFwjhK-qKk. Außerdem gibt es einen Trailer zur Lesung: https://www.youtube.com/watch?v=NNs_Qu22408

Das Projekt wurde gefördert durch den Innovationsfonds Kunst des Ministeriums für Wissenschaft, Forschung und Kunst Baden-Württembergs.

Presse: Theaterwerkstatt und Studenten widmen sich dem Thema Ausländerfeindlichkeit, RNZ vom 10. Oktober 2016, https://www.rnz.de/nachrichten/heidelberg_artikel,-Heidelberg-Theaterwerkstatt-und-Studenten-widmen-sich-dem-Thema-Auslaenderfeindlichkeit-_arid,227158.html

 

Projekt: Im Bett mit John Lennon. Popgenie – Poet – Provokateur (2017)

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8. Dezember 1980 – John Lennon wird auf offener Straße in New York von einem fanatischen Fan erschossen. Die weltweite Anteilnahme kennt kei­ne Grenzen. Der Mythos Lennon ist geboren: unerreichbares Idol, genialer Musiker, Kämpfer für Frieden, Freiheit und Gleichberechtigung, liebender Ehemann.

Doch das Leben des Weltstars kannte auch tiefe Abgründe: Mit 17 Jahren verlor er seine Mutter. Der Erfolg der Beatles machte für ihn ein Leben au­ßerhalb der Öffentlichkeit unmöglich. Der Druck, fortwährend Hits zu pro­duzieren, lastete auf ihm und seinen Bandkollegen. Schließlich trennten sich die Beatles. Die erste Ehe scheiterte. Die zweite mit Yoko Ono wurde öffent­lich als Form politischer Kunst zelebriert. Die Begleiterscheinungen dieses Lebens auf der Überholspur: Drogen, psychische Probleme, Gewalt, Betrug.

Es waren die 1960er und 1970er Jahre – Zeit der gesellschaftlichen Auf- und Umbrüche, Zeit einer neuen Jugendkultur, die das beschwingte Lebensgefühl im Rhythmus der Beat-Musik zum Politikum machte. Und Lennon mittendrin.

„Im Bett mit John Lennon“ lädt Sie ein zu einem Bed-In, in dem Geschichte und Gegenwart aufeinandertreffen: Geschichtsstudierende der Universität Heidelberg haben sich unter Leitung von Nils Steffen und Anna Valeska Strugalla mit dem facettenreichen Künstler auseinandergesetzt und nach Selbstzeugnissen und Stimmen über Lennon gesucht. Die Funde aus Heidelberg, Deutschland und der Welt bringen sie in Zusammenarbeit mit der Theaterwerkstatt Heidelberg auf der Bühne zum Sprechen.

Wissenschaftliche Leitung und Dramaturgie: Nils Steffen und Anna Valeska Strugalla, Regie und Inszenierung: Wolfgang G. Schmidt, Projektstudierende und DarstellerInnen: Christina Hohrein, Nicole Jama, Jasmin Kellmann, Abby King, Dorothee Küster, Melissa Neumann, Isabelle Robinson, Tim Schinschick, Caroline Schmuck, Pauline Schwanke, Alexander Smit und Tatjana Sommer. Ein Projekt der Professur für Ange­wandte Geschichtswissenschaft – Public History der Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg in der Reihe „Public History & Theater“.

Zu der szenischen Lesung im Kurpfälzischen Museum der Stadt Heidelberg ist ein Programmheft mit einführenden Informationen und ausgewählten Quellen erschienen. Sie können es hier herunterladen: PROGRAMMHEFT.

Das Projekt wurde gefördert durch das Kurpfälzische Museum der Stadt Heidelberg.

Presse: Im Bett mit John Lennon, RNZ vom 19. Mai 2017, https://www.rnz.de/kultur-tipps/kultur-regional_artikel,-Kultur-Regional-Kurpfaelzisches-Museum-Heidelberg-Im-Bett-mit-John-Lennon-_arid,276488.html

Nils Steffen: E-Mail
Letzte Änderung: 24.07.2017
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