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Forschungsstelle Antiziganismus

Forschungsstelle Antiziganismus

Was ist Antiziganismusforschung?

Sinti und Roma zählen zu den größten Minderheiten in einem gesellschaftlich vielfältigen Europa. Doch sind Angehörige dieser Gruppe massiven Diskriminierungen ausgesetzt. Diese beruhen auf einer anhaltenden Stigmatisierung, die eine lange, bisher wenig beachtete, dabei aber heute noch wirkmächtige Geschichte aufweist. Stereotype, Vorurteile und die daraus resultierenden Exklusionsmechanismen gegenüber v.a. Sinti und Roma historisch fundiert unter dem Dach der noch jungen Antiziganismusforschung zu untersuchen, ist eine Aufgabe von großer wissenschaftlicher und gesellschaftspolitischer Dringlichkeit.

Der Begriff „Antiziganismus“ ist erst seit wenigen Jahren im Forschungsdiskurs verankert und umfasst sowohl mehrheitsgesellschaftlich konstruierte Bilder und Vorurteile über sogenannte „Zigeuner“ als auch aus diesen resultierende Praktiken der Diskriminierung, Ausgrenzung und Verfolgung. Die Wirkungsweise von Antiziganismus liegt in einer Homogenisierung, Stigmatisierung und Abwertung der betroffenen Individuen mittels der Zuschreibung etwa devianter, vormoderner oder archaischer, aber auch romantisierender Eigenschaften. Zu den Folgen zählen gesellschaftliche, staatliche und institutionelle Benachteiligung in Bereichen wie Bildung, Arbeit, Gesundheit und Wohnen bis hin zu physischer Gewaltanwendung.

Historische Entwicklung

Zeitlich lässt sich der Beginn der Vorurteilsstruktur in ihrer modernen Form eingrenzen. So verschwanden seit Beginn der Territorialstaatsbildung in der Frühen Neuzeit sukzessive Freiräume für Minderheiten, die als „Zigeuner oder nach Zigeunerart umherziehende Personen“ von staatlichen Behörden zunehmend ausgegrenzt, kriminalisiert und entrechtet wurden. Wenig ergründet wurde bisher, warum dies so war und woher die Ressentiments stammten, wie also ihr sozialer und historischer Kontext zu verstehen ist. Mit der europäischen Moderne stand das Bedürfnis nach nationaler, kollektiver Identität im Zentrum gesellschaftlicher und politischer Ideen. Es war der Beginn einer Epoche, in der Definitionen von „wir“ und „sie“ sich in Bezug auf Minderheiten immer wieder in unterschiedliche Politiken übersetzten, die zwischen Assimilations- und Integrationsgeboten bis hin zu verschiedenen Stufen der Gewalt schwankten. Europäische Mehrheitsgesellschaften konstituierten sich seither nicht zuletzt auch durch die Abgrenzung von „Zigeunern“ als homogenes „Volk“ bzw. einheitliche Nation. „Zigeuner“ zählten bald zu den am meisten stigmatisierten und als „anders“ inszenierten Minderheiten. Zudem wurden sie seit Ende des 19. Jahrhunderts von staatlichen Behörden immer stärker überwacht und kontrolliert unter Einsatz neuester technischer Entwicklungen.

Im Fokus der wissenschaftlichen Forschung

Bisher ist das Wissen über die Vorurteilsstruktur des Antiziganismus sowie über seine Geschichte noch gering, die Wahrnehmung des Phänomens noch vergleichsweise neu. Dementsprechend ist das Thema auch in der universitären Forschungslandschaft bislang wenig verankert. Die Forschungsstelle Antiziganismus will daher eine adäquate, innerhalb langfristig angelegter Strukturen ermöglichte Grundlagenforschung gewährleisten und die Formen, Funktionen und Folgen des Phänomens in Vergangenheit und Gegenwart in den Fokus rücken. Um die Exklusionsgeschichte der Sinti und Roma und anderer betroffener Gruppen verstehen zu können, muss nach den Semantiken von „Zigeuner“-Bildern gefragt werden, ebenso nach ihren jeweiligen historischen Kontexten sowie Differenzierungen in unterschiedlichen historischen Phasen. Viele tradierte Stereotype sind auch heute, teilweise in frappierender Kontinuität, gesellschaftlich und politisch wirkmächtig.

Die wissenschaftliche Erforschung antiziganistischer Vorurteile und Praktiken fand bislang v.a. im außeruniversitären Bereich statt und greift aus in zahlreiche wesentliche Felder der Geschichts- und Sozialwissenschaften. Sie weist Bezüge auf zur Minderheiten-, Menschenrechts-, Mentalitäts-, Sozial-, Diktatur-, Gewalt- und Geschlechtergeschichte. Dabei expandiert die Forschung, die sich zentral mit der Diskriminierung, Marginalisierung und Verfolgung von Sinti und Roma befasst, stetig und fächerübergreifend. Geschichtswissenschaftliche Untersuchungen zum Antiziganismus legen ihren Schwerpunkt mehrheitlich auf die Erforschung des NS-Völkermordes an Sinti und Roma. Seit Ende der 1980er-Jahre und verstärkt seit der Jahrtausendwende nehmen insbesondere zahlreiche Lokal- und Regional- sowie Einzelstudien diesen Themenkomplex in den Blick. Doch kann von einer zufriedenstellenden Erschließung der Geschichte der NS-Vernichtungspolitik gegenüber der Minderheit und der gesamteuropäischen Dimension des Genozids an Sinti und Roma noch keine Rede sein. Außerdem müssen Formen, Folgen und Kontexte des Phänomens Antiziganismus auch in den Epochen vor 1933 und nach 1945 noch stärker in den Fokus geschichtswissenschaftlicher Untersuchungen gerückt werden.

Ebenen und Bereiche

Es lassen sich in analytischer Hinsicht unterschiedliche Ebenen und Bereiche der Antiziganismusforschung skizzieren. Zu diesen zählen u.a. soziale Interaktionen und Praktiken, historische und politische Rahmenbedingungen, Vorurteile und Stereotype, die Sinnstruktur des Antiziganismus und ferner soziale Normen und Strukturen. Das Paradigma des Antiziganismus kann mittels Vergleich und Kontextualisierung zur Forschung über Rassismus und Stereotype, zur Rolle von Nationalismus und kollektiver Identität, über Migration sowie gesellschaftliche Inklusion beitragen und so über ihren Gegenstand hinausweisen – hinein in die Geschichte und Gegenwart der europäischen Vielfaltsgesellschaften.

 

Seitenbearbeiter: E-Mail
Letzte Änderung: 13.06.2017
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