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Die Päpste und die Einheit der Lateinischen Welt

Tagungsbericht
Programm

Internationaler Kongress
Reiss-Engelhorn-Museen Mannheim, 16.-18. Oktober 2014

 

Bericht von:
Theresa Jäckh, Transkulturelle Studien, Universität Heidelberg
E-Mail: theresa.jaeckh@uni-heidelberg.de

 

Der Internationale Kongress „Die Päpste und die Einheit der Lateinischen Welt“, konzipiert von der „Forschungsstelle Geschichte und kulturelles Erbe“ (Universität Heidelberg/Reiss-Engelhorn-Museen Mannheim), tagte vom 16. bis 18. Oktober 2015 in den Reiss-Engelhorn-Museen Mannheim (REM). Er diente der Vorbereitung einer Ausstellung zum Thema „Die Päpste und die Einheit der lateinischen Welt. Antike – Mittelalter – Renaissance“. Das Gesamtprojekt will unter der Leitung der Generaldirektion der REM sowie der Mitwirkung der Universitäten Heidelberg und Mainz maßgebliche Einrichtungen des Vatikans (Päpstliche Kommission für die Förderung der Einheit der Christen, Vatikanische Museen, Vatikanisches Geheimarchiv, Vatikanische Bibliothek, Fabbrica di San Pietro) und andere wissenschaftliche Institutionen in Deutschland und Italien zusammenführen. Die Ausstellung soll von Mai bis Oktober 2017 in Mannheim (REM) und anschließend in Rom (Vatikan) gezeigt werden. Dass ein solches Gemeinschaftsunternehmen beispiellos sei, betonte der Projektleiter Alfried WIECZOREK (Mannheim) in seinen Willkommensworten zur Eröffnung. Das Ausstellungsprojekt, so der andere wissenschaftliche Leiter Stefan WEINFURTER (Heidelberg) in seinen Eröffnungsworten, stelle den globalen Aspekt des Papsttums in den Mittelpunkt und dürfe heute als ein modernes Thema mediävistischer Forschung gelten. Auf die moderne Bedeutung eines sehr alten Themas wies auch Bernd SCHNEIDMÜLLER (Heidelberg) in seiner Einführung hin. Das umfangreiche Programm werde weniger Verlusterfahrung und Spaltung als Einheit des Christentums in der lateinischen Welt vom 1. bis zum frühen 16. Jahrhundert diskutieren. Ziele seien die methodische Sensibilisierung für historische Bedingtheiten und ein Forum für oszillierende Meinungen. Mons. Matthias TÜRK als Vertreter des Vatikans unterstrich die Bedeutung eines öffentlichen Bewusstseins für die gemeinsamen Wurzeln, welche die Konfessionen verbinden. Flankiert wurde die Tagung durch eine öffentliche Abendveranstaltung. In einem Round-Table-Gespräch diskutierten Bischof Wolfgang HUBER (Berlin), Karl Kardinal LEHMANN (Mainz), Christoph MARKSCHIES (Berlin), Stefan WEINFURTER (Heidelberg) und Hubert WOLF (Münster) im intrareligiösen Dialog aktuelle Bedeutungsfelder von „Christentum, Papsttum und Kirchen“.
 
Die erste Sektion befasste sich unter Leitung von Falko DAIM (Mainz) und Wilfried HARTMANN (Tübingen) mit archäologischen Befunden und Zeichen des frühen christlichen Kults. So ging Hugo BRANDENBURG (Münster/Rom) der umstrittenen Frage der Petruspräsenz in Rom nach und plädierte für die Anerkennung der Historizität von Aufenthalt und Martyrium Petri in Rom. Das sogenannte tropaion unter der Konstantinischen Basilika sei mehr als nur der Ort einer Petrus-memoria, nämlich tatsächlich als Apostelgrab zu verstehen. Über die Gräber der frühen Päpste referierte Sible DE BLAAUW (Nijmegen) und zeichnete deren dreiphasige Entwicklung von den Katakomben, welche die familia des Amtes betonten, über die Individualisierung der Grablegen in der suburbikaren Landschaft Roms bis zur Konzentrierung von Papstgräbern an der memoria-Stätte des Heiligen Petrus nach. Letztere wurde durch die Modellwirkung Leos des Großen geprägt und visualisierte die Sukzession des römischen Episkopats architektonisch und topographisch.

Carola JÄGGI (Zürich) untersuchte die visuellen Befunde römisch-basilikaler Petrus-Ikonographie und legte dar, wie Petrus ikonographisch eine Vorrangstellung unter den Aposteln erlangte. Dieser Primat habe unmittelbar auch eine Erhöhung Roms zum caput orbis erwirkt, wobei das Volk von Rom ikonographisch zum neuen populus electus gedeutet wurde. Sebastian SCHOLZ (Zürich) widmete sich römisch-papalen Inschriften, denen er als Zeugnisse für die Vermittlung von Ideen oder Ideologien an unterschiedliche (Teil)-Öffentlichkeiten Informationen zu päpstlicher Primatstellung und Politik entnahm. Gerade die Gattung von Bau- und Grabinschriften wurde von Päpsten als Kommunikationsträger genutzt, um ihr Amtsverständnis zu proklamieren.

In seinem Abendvortrag zeigte Arnold NESSELRATH (Rom) eine facettenreiche Rundschau zu Eigenbild und Fremdwahrnehmung der Päpste, indem er von den frühesten Bildzeugnissen bis in das 16. Jahrhundert die verschiedenen Möglichkeiten von Inszenierung päpstlicher Ansprüche sowie die politischen Funktionen des Papstbildes vorführte.

Matthias BECHER (Bonn) und Annette KEHNEL (Mannheim) leiteten die zweite Sektion, welche sich auf Etappen und Strategien päpstlicher Emanzipation richtete.
In diesem Sinne erörterte Hartmut LEPPIN (Frankfurt a.M.) das Spannungsfeld zwischen päpstlichem Rom und kaiserlichemKonstantinopel. Anhand dreier Episoden (Leo der Große, Gelasius I., Vigilius) zeigte er, wie römische Patriarchen im Osten einflussreich agieren konnten, indem sie in religionspolitischen Fragen klar Position bezogen. Dabei scheint gerade die Peripherisierung des römischen Patriarchats durch den politischen Aufstieg der néa rome den Päpsten zum Vorteil gereicht zu haben. Florian HARTMANN (Bonn) fokussierte die Umbruchsphase des 8. Jahrhunderts als Weichenstellung für die Genese des westlichen Kaisertums und demonstrierte, wie der Papst dieser Zeit seine weltlichen Ansprüche auf Vorrechte und Autonomie durch verschiedene Praktiken wie Titulaturen, Jahreszählungen und Münzprägungen proklamierte. Daraus wurde die unmittelbare Verzahnung einer kaisergleichen Stellung mit der petrinischen Ideologie evident.
Agostino PARAVICINI BAGLIANI (Lausanne) sprach über die Entwicklung von Papstwahl und Papstwahlordnung, wobei er angesichts der komplexen Gesamtheit der reichen und differenzierten Papstwahl-Zeremonien die Flexibilität der Wahlpraxis betonte. Trotz der normativen Freiheiten bis zum Papstwahldekret von 1059 seien bemerkenswerte Kontinuitäten nachzuweisen.
Jochen JOHRENDT (Wuppertal) diskutierte Verdichtung und Intensivierung des Kirchenregiments durch die Kurie als Leitorgan der Gesamtkirche im 12. und 13. Jahrhundert. Er zeichnete die Entwicklung der Ecclesia Romana zur Verwalterin einer Ecclesia universalis mit dem Bischof von Rom als aktivem Leiter nach, wobei der päpstliche Apparat professionalisiert und Aufgaben der Legaten vervielfältigt worden seien. Die päpstliche Kapelle als Institution könne dabei Beweis für die Verdichtung von Herrschaft stehen.

Die umfangreiche dritte Sektion thematisierte päpstliche Vollgewalt und universalen Anspruch, wobei die Diskussionen von Klaus HERBERS (Erlangen) und Gert MELVILLE (Dresden) moderiert wurden.
Christian JASER (Berlin; wegen Krankheit des Referenten verlesen) präsentierte eine Studie zu Vollzugsformen der Generalexkommunikation als Disziplinierungspraxis peripherer Widerstände. Jaser untersuchte dabei symbolische Handlungen des Papstes bei der Ausführung kirchlicher Strafgewalt unter Einbeziehung des Raumarrangements, wobei die Durchsetzungskraft päpstlicher Amtsautorität und Exkommunikationsgewalt durch institutionelle Architektur und Raumsprache sichtbar gemacht wurde. Über das Kirchenrecht als Instrument päpstlichen Führungsanspruchs sprach Lotte KÉRY (Bonn). Dabei stellte sie Dekretalen als Ausdruck kirchenrechtlicher Kompetenz mit Anspruch auf alleinige Organisations- und Leitungsgewalt des Papsttums in den Mittelpunkt und arbeitete heraus, wie diese im Liber Extra eine Realisierung fanden.
Claudia ZEY (Zürich) erörterte die Vervielfältigung und Präsenz von Autorität als Mittel und Bedingung universaler Gewalt. Anspruch und Ausübung päpstlicher Amtsgewalt sei durch Delegationen als Teil des päpstlichen Körpers in Peripherien transloziert worden. Sie beleuchtete zudem die Grenzen der Vervielfältigung, nämlich die Limitierung der Befugnisse sowie die räumliche und zeitliche Begrenzung der Delegationen. Stefan BURKHARDT (Heidelberg) diskutierte die bisher selten herausgestellte Verbindung der Papstkirche zum Meer. Dieses sei weniger als Herrschaftsfeld des Papstes zu verstehen denn als Medium, päpstlichen Einfluss transmediterran zu erwirken. Als maritime Dimension des Papsttums stellte Burkhardt das Zeitalter der Normannen in Süditalien und Sizilien sowie das der Kreuzzüge heraus, welches das Papsttum mit ungekannten Herausforderungen konfrontierte.

Den „Aufstieg aus dem Niedergang“ diskutierten die Sprecher der letzten und vierten Sektion unter Leitung von Nikolas JASPERT (Heidelberg) und Ingrid BAUMGÄRTNER (Kassel).
Karl UBL (Köln) untersuchte das Verhältnis von päpstlicher Vollgewalt und Simonie unter Bonifaz VIII., welches als zentrales Anliegen auch von einschlägigen Theologen und Kanonikern der Zeit erörtert wurde. Ubl hob dabei die bemerkenswerte Rolle von Jean Quidort hervor. Die Lektüre Quidorts macht deutlich, wie sehr die Souveränität des Papstes durch den ihm drohenden Simonieprozess im Konflikt mit dem französischen König in Frage gestellt wurde. Claudia MÄRTL (München) befasste sich mit der römischen Kurie des 15. Jahrhunderts, deren Organisationsformen und Entwicklung sie an den Werken des Enea Silvio Piccolomini erläuterte und neu akzentuierte. Dabei wies Märtl die tiefgreifenden und unumkehrbaren Veränderungen kurialer Strukturen durch den Ämterkauf auf, der schon unter Sixtus IV. zur existentiellen Grundlage der Kurie geworden war und u.a. zur Italianisierung der Kurie sowie zu einer aufgeblähten Ämterstruktur und -kumulation geführt hatte.
Die Rolle von Kardinälen als Häupter der Kirche erörterte Jürgen DENDORFER (Freiburg i.Br.) und befragte deren ausgesprochen negatives Zerrbild auf seine Ursprünge. Die Ursachen seien im konziliaren Zeitalter zu suchen, die schließlich den Aufschwung des Kardinalskollegiums bewirkten und überdies einzelne Kardinäle in bis dahin ungekannter Weise herausstechen ließen. Die Exklusivität des Kardinalats stellte Dendorfer als ekklesiologisch kaum begründbare Basis für den Aufstieg und Einfluss der Kardinäle heraus. Ulrich PFISTERER (München) betrachtete den sakralen Stadtraum Roms um 1500 unter besonderer Berücksichtigung der Paradiesdarstellungen, die das religiöse Zentrum der Stadt vernetzten. Rom wurde zur Himmelsstadt und symbolisierte den Zutritt zum Paradies. In dieses bildliche Beziehungsgefüge bettete Pfisterer auch die Deckenausstattung der Sixtinischen Kapelle ein.

Michael MATHEUS (Mainz) betonte in seinem Ausblick die Bedeutung der päpstlichen Rückkehr nach Rom, welche zu einer fundamentalen Veränderung von Institution und Stadt am Vorabend einer transatlantischen Weltkirche führte. In diesem Zusammenhang verwies Matheus auf die Folgetagung zum Renaissance-Papsttum, die vom 03. bis 05. 12. 2015 in Rom stattfinden soll.
In abschließenden Worten fasste Stefan WEINFURTER (Heidelberg) Kernaspekte zusammen und betonte die bemerkenswerte und dynamische Wirkkraft des spätantiken und mittelalterlichen Papsttums als ältester Institution der Lateinischen Welt für deren Ordnungsgefüge.

 

Programm

Donnerstag, 16.10.2014

14.00 – 14.30 Eröffnung
Alfried Wieczorek/ Stefan Weinfurter: Grußworte;
Msgr. Matthias Türk: Grußwort des Päpstlichen Rates zur Förderung der Einheit der Christen;
Bernd Schneidmüller: Einführung in das Programm

Sektion I Petrus der Fels: Archäologische Befunde und Zeichen des frühen Kultes

Moderation: Falko Daim (Mainz)
Petri in Rom
15.00 – 15.30 Sible de Blaauw (Nijmegen): Die Gräber der frühen Päpste
15.30 – 16.00 Diskussion
16.00 – 17.00 Pause

Moderation: Wilfried Hartmann (Tübingen)
17.00 – 17.30 Carola Jäggi (Zürich): Ein Fischer wird Papst. Zur Genese des Petrus-Bildes in der frühchristlichen Kunst
17.30 – 18.00 Sebastian Scholz (Zürich): Primat und päpstliche Politik in den römischen Inschriften von der Spätantike bis ins hohe Mittelalter
18.00 – 18.30 Diskussion

19.00 Öffentlicher Abendvortrag
Michael Matheus (Mainz): Einführung
Arnold Nesselrath (Rom): Der Papst im Bild

 

Freitag, 17.10.2014

Sektion II Etappen und Strategien der Emanzipation

Moderation: Matthias Becher (Bonn) 9.00 – 9.30 Hartmut Leppin (Frankfurt am Main): Der Patriarch des Westens und der Kaiser des Ostens
9.30 – 10.00 Florian Hartmann (Bonn): „Petruspapst“ und „Petruskaiser“. Die Cathedra Petri
zwischen östlichem und westlichem Imperium
10.00 – 10.30 Diskussion
10.30 – 11.00 Pause

Moderation: Annette Kehnel (Mannheim)
11.00 – 11.30 Agostino Paravicini Bagliani (Lausanne): Wie wird man Papst im Mittelalter?
12.00 – 12.30 Diskussion

12.30 – 13.30 Mittagspause

Sektion III Päpstliche Vollgewalt und universaler Anspruch

Moderation: Klaus Herbers (Erlangen)
13.30 – 14.00 Jochen Johrendt (Wuppertal): Verdichtung und Monetarisierung päpstlicher
Herrschaft im 12. und 13. Jh.
14.00 – 14.30 Christian Jaser (Berlin): Ostensio exclusionis. Die päpstliche Generalexkommunikation zwischen kirchenrechtlicher Innovation und zeremoniellem Handeln
14.30 – 15.00 Lotte Kéry (Bonn): Das Kirchenrecht als Instrument päpstlichen Führungsanspruchs
15.00 – 15.30 Diskussion
15.30 – 16.30 Pause

Moderation: Gert Melville (Dresden)
16.30 – 17.00 Claudia Zey (Zürich): Vervielfältigungen päpstlicher Präsenz und Autorität: Boten, Legaten und Symbole
17.00 – 17.30 Stefan Burkhardt (Heidelberg): Das Papsttum in der mittelalterlichen mediterranen Welt
17.30 – 18.00 Diskussion
18.00 – 19.00 Pause

19.00 – 20.00 Abendveranstaltung, Round Table:
Christentum, Papsttum und Kirchen
Alfried Wieczorek (Mannheim): Einführung
Diskussionspartner: Bischof Wolfgang Huber (Berlin), Kardinal Karl Lehmann (Mainz), Christoph Markschies (Berlin), Stefan Weinfurter (Heidelberg), Hubert Wolf (Münster)
Moderation: Gerhard Mandel, SWR

 

Samstag, 18.10.2014

Sektion IV Aufstieg aus dem Niedergang

Moderation: Birgit Studt (Freiburg i. Br.)
9.00 – 10.30 Karl Ubl (Köln): Der Papst, der keine Simonie begehen kann. Debatten über päpstliche Souveränität im Umkreis Bonifaz‘ VIII.
9.30 – 10.30 Claudia Märtl (München): Die neue römische Kurie – Organisationsformen im 15. Jh.
10.00 – 10.30 Diskussion
10.30 – 11.00 Pause

Moderation: Ingrid Baumgärtner (Kassel)
11.00 – 11.30 Jürgen Dendorfer (Freiburg i.Br.): Kardinäle als die wahren Häupter der Kirche?
11.30 – 12.00 Ulrich Pfisterer (München): Paradiese in Rom. Sakraler Stadtraum um 1500.
12.00 – 12.30 Diskussion
12.30 – 12.45 Michael Matheus (Mainz): Ausblicke
12.45 – 13.00 Stefan Weinfurter (Heidelberg): Schlussworte
13.00 Tagungsende

Seitenbearbeiter: E-Mail
Letzte Änderung: 30.01.2015
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