Projekt:
"Dokumentarische Rückseiten literarischer Papyri"

Mitarbeiter: Dr. Demokritos Kaltsas
Laufzeit: Die Förderung des Projekts durch die Deutsche Forschungsgemeinschaft begann am 1. August 1999; die Arbeit mußte am 31. Juli 2000 jedoch aus persönlichen Gründen unterbrochen werden und konnte erst am 1. September 2002 wieder aufgenommen werden.

Projektbeschreibung
Während dokumentarische Papyri häufig auf den Tag genau datierbar sind und selbst dann, wenn sie keinen konkreten Hinweis auf ihr Entstehungsdatum enthalten, dieses aufgrund des Schriftcharakters recht zuverlässig erschlossen werden kann, ist die Datierung literarischer Papyri erheblich problematischer, weil man bei ihnen ausschließlich auf paläographische Kriterien angewiesen ist. Sie sind hinwiederum in der Regel in Schriftstilen geschrieben worden, die über lange Zeit hinweg kanonische Geltung hatten, so daß um mehrere hundert Jahre divergierende Datierungsvorschläge ausgewiesener Paläographen keine Seltenheit sind. Nun gibt es eine nicht unbeträchtliche Anzahl von Papyri, die auf der Vorderseite einen literarischen Text und auf der Rückseite einen dokumentarischen enthalten, oder umgekehrt. Dadurch ergeben sich für die literarischen Seiten recht zuverlässige termini ante bzw. post quem ihrer Entstehung. Ziel des Projekts ist es, einen Katalog derartiger Papyri in der Form einer elektronischen Datenbank zu erarbeiten, die über das Internet für Suchabfragen bereitgestellt werden soll. Eine Auswahl besonders wichtiger Beispiele soll daneben in traditioneller Weise in einem Band mit einem Abbildungsteil und begleitenden theoretischen Darlegungen veröffentlicht werden. Beide Publikationen werden weiteren paläographischen Forschungen als wertvolle Arbeitsinstrumente dienen können.

Stand der Forschung
Zwar wird immer wieder bei den Publikationen literarischer Texte mit dokumentarischen Rückseiten das Phänomen hervorgehoben und der Versuch einer Auswertung für die Datierung des jeweiligen literarischen Stücks vorgenommen, doch bleibt eine umfassende synthetische Betrachtung des Materials, wie sie bei dem DFG-Unternehmen geplant ist, ein Desiderat.
Neben Heidelberg hat dieser Mangel auch in Oxford Beachtung gefunden: Unter der Leitung von Prof. P. J. Parsons hat sich in der englischen Universitätsstadt Frau Dr. D. Colomo, unterstützt von Dr. N. Gonis, an eine Sammlung von Material gemacht, das sich für eine genauere Datierung literarischer Stücke verwerten läßt (dieses Projekt ist Ende 2002 ausgelaufen).
Als besonders wichtig für die Arbeit an dem Heidelberger Projekt sind die seit dem Beginn der Arbeit im Jahre 1999 im Bereich der literarischen Papyrologie eingetretenen Veränderungen hervorzuheben: Im Sommer 2002 begann man beim Centre de Documentation de Papyrologie Littéraire in Lüttich damit, die lang ersehnte dritte Auflage des Katalogs der literarischen Papyri von R. Pack (= Mertens-Pack3) über das WWW zugänglich zu machen; seitdem mehrmals erweitert, umfaßt diese unentgeltlich abfragbare Liste zum gegenwärtigen Zeitpunkt alle bestimmten griechischen und lateinischen Autoren zugewiesenen Papyri, einschließlich der in neuester Zeit erschienenen. Noch nicht auf diesem Wege veröffentlicht sind die Adespota, also diejenigen Texte, bei denen bisher keine definitive Zuweisung möglich ist, dazu Anthologien, Lehrbücher usw. Auch bei dem mit Mertens-Pack3 konkurrierenden Projekt der Leuven Database of Ancient Books (LDAB) ist eine neuere, im Vergleich zu der im Jahre 1998 auf CD veröffentlichten erweiterte und verbesserte Fassung der Datenbank ins Netz gestellt worden, bei welcher die Angaben von Mertens-Pack3 z.T. mit berücksichtigt worden sind (das Umgekehrte ist im übrigen nicht der Fall).

Ziele
Das Ziel des Unternehmens läßt sich folgendermaßen umreißen: Es ist deutlich geworden, daß das gesammelte Material am sinnvollsten auf dem Wege einer Veröffentlichung der Datenbank im Internet der Fachwelt zugänglich gemacht werden kann; hierbei soll die Möglichkeit gewährleistet sein, Suchen nach bestimmten Begriffen durchzuführen. Neben den Informationen zur Datierung und den Angaben über die dokumentarischen Rückseiten wird dadurch eine Reihe weiterer, durch Mertens-Pack3 und die LDAB nicht greifbarer Informationen erschlossen werden, etwa über das Vorhandensein von Lesezeichen (Akzenten, Interpunktion usw.) im jeweiligen Stück.
Als hauptsächliches Ziel des Projekts ist die Auswertung der gewonnenen Erkenntnisse für die literarische Paläographie anzusehen: Geplant sind einerseits die Veröffentlichung einer Auswahl von Abbildungen anhand der dokumentarischen Rückseite sicher datierter literarischer Papyri als Vergleichs- und Lernmaterial; andererseits eine synthetische Darstellung der Geschichte der Entwicklung der literarischen Schrift auf Grund solcher Texte. In der Form eines Aufsatzes sollen ferner in einer der einschlägigen wissenschaftlichen Zeitschriften die Ergebnisse des Projekts für das Gebiet der antiken Bibliologie publik gemacht werden: Es soll dabei in Auseinandersetzung mit der Fachliteratur demonstriert werden, welche Position diesen "Rückseiten-Exemplaren" innerhalb der antiken Bücherproduktion einzuräumen ist (etwa, ob es sich bei ihnen tatsächlich vor allem um privat hergestellte Abschriften handelt).

Arbeitsprogramm
Zur Anlage des elektronischen Katalogs: Jeder Datensatz besteht aus einem Teil, in welchem die literarische Seite unter Angabe der Mertens-Pack3-Nr., der LDAB-Nr., der Erstpublikation, der Datierung, der Herkunft usw. verzeichnet wird, und einem anderen, welcher der dokumentarischen Seite gewidmet ist; soweit letztere publiziert ist, werden die Angaben vom "Heidelberger Gesamtverzeichnis der datierten griechischen Papyrusurkunden" übernommen. Die Datenbank wird vervollständigt, soweit neueres Material publiziert wird; eine größere Aktualisierungsaktion wird voraussichtlich die bevorstehende Erweiterung der im WWW verfügbaren Angaben von Mertens-Pack3 durch die Adespota nötig machen; denn es wird sich nicht vermeiden lassen, daß hierdurch neues Material erschlossen und zu dem bereits erfaßten neue Literatur bekannt wird. Ansonsten sollen im Hinblick auf die Veröffentlichung der Datenbank im Internet die Datensätze auf Einheitlichkeit von Terminologie (dies ist angesichts der Möglichkeit, nach Begriffen zu suchen, sehr wichtig), Transkription antiker Namen, Titeln von Werken antiker Autoren, Rechtschreibung usw. geprüft werden.

Literarische Texte erwecken im allgemeinen größeres Interesse als die dokumentarischen, zumal heutzutage durch den Einsatz von EDV die aussichtslosesten literarischen Fragmente ihrem Autor zugewiesen werden können, soweit dieser bekannt ist; aus diesem Grunde war von Anfang an damit zu rechnen, daß die für das Projekt interessanten dokumentarischen Rückseiten in den meisten Fällen noch unveröffentlicht sein dürften. Diese Einschätzung hat sich im Laufe der Sammlung des Materials durchaus bestätigt, und es erschien eine wichtige Aufgabe, diese Rückseiten an Abbildungen oder im Idealfall am Original zu untersuchen. Durch Autopsie konnte bisher das einschlägige Material in drei deutschen Sammlungen untersucht werden, in Heidelberg und bei kurzen Besuchen in Gießen und Köln. Weitere Besuche etwa in Berlin, Hamburg, München und Wien werden noch stattfinden, damit zumindest das Material im deutschsprachigen Raum einigermaßen überschaut wird und ausgewertet werden kann. Der Rest des Materials wird fortwährend z.T. an am Heidelberger Institut für Papyrologie vorhandenen Photographien studiert, z.T. werden hierfür digitalisierte Abbildungen im WWW zu Rate gezogen, wie sie in den letzten Jahren von immer mehr Sammlungen zur Verfügung gestellt werden (an erster Stelle sind hier zu nennen die nordamerikanischen Universitäten, die am APIS-Projekt teilnehmen, daneben etwa die Egypt Exploration Society mit den P.Oxy.); dies erleichtert die paläographische Arbeit außerordentlich. (Die vier oben genannten großen deutsch-österreichischen Sammlungen beteiligen sich jedoch noch nicht, und vermutlich auch auf längere Zeit nicht, an diesem Prozeß.) Für Texte von Sammlungen, bei denen die beiden eben genannten Optionen versagen, werden z.T. Photographien bestellt, doch hat sich dieses Verfahren als besonders langwierig erwiesen. Die Publikation im Rahmen des Projektes entzifferter bisher unveröffentlichter dokumentarischer Texte soll, soweit die Publikationsrechte von den jeweiligen Sammlungen gewährt werden, in einem größeren Aufsatz gemeinsam erfolgen.

Paläographische und bibliologische Untersuchung
Um das Einfließen subjektiver Kriterien möglichst zu vermeiden, sollen aus dem vollständigen Katalog als Grundlage für die paläographische Synthese nur Exemplare ausgewählt werden, deren dokumentarische Seite mit Sicherheit zu datieren ist; die Skala kann hierbei von der Datierung auf den Tag genau bis zur undifferenzierten Einordnung in die Regierungszeit eines Herrschers reichen. Subsidiär sind dann auch solche Fälle zu berücksichtigen, bei denen eine Datierung auf ein bestimmtes Jahrhundert gesichert erscheint; erwünscht ist dabei, daß sich die Datierung auf konkretere Kriterien stützt als das bloße paläographische Empfinden des Herausgebers. Innerhalb der allgemeinen zeitlichen Einordnung sollen die Exemplare nach dem Schrifttypus (etwa "Strenger Stil", "Biblische Majuskel") in Gruppen zusammengefaßt werden, damit die Entwicklung der jeweiligen Schrift untersucht werden kann: Wann und wie sie sich ausbildet, ob sie einer Kanonisierung unterliegt, wann sie außer Gebrauch kommt, ob sie archaisierend wieder belebt wird usw. Eine besondere Herausforderung stellt bei dieser Arbeit das Herausarbeiten von Kriterien zur Beurteilung des Alters eines bestimmten, definierten Schrifttypus dar (hierbei kann an paläographische Untersuchungen wie G. Cavallo, Ricerche sulla maiuscola biblica, Florenz 1967, angeschlossen werden). Aus der Reihe dieser sicher datierten Papyri werden im übrigen natürlich auch die Exemplare auszuwählen sein, die anschließend im Bildband abgebildet werden sollen: Es soll sich dabei vor allem um neueres oder bisher nicht abgebildetes Material handeln, da die bestehenden Handbücher nicht ersetzt, sondern ergänzt werden sollen. Den Abbildungen soll jeweils eine kurze paläographische Beschreibung beigegeben werden.

Für die Untersuchung der Stellung der auf der Rückseite geschriebenen Texte im antiken Buchhandel soll selbstverständlich das gesamte Material benutzt werden. Dem für eine Gesamtwürdigung des Phänomens sind ja auch Fälle von Interesse, in denen ein fragmentarischer literarischer Text auf dem Verso eines Papyrus, also gegen die Fasern geschrieben ist, die Vorderseite aber leer ist: Es ist dann oft anzunehmen, daß auf der Vorderseite zwar ein dokumentarischer Text gestanden hat, der aber auf dem Papyrus großzügiger angelegt war, so daß gerade in der uns erhaltenen Partie nichts mehr hiervon vorhanden ist.
Seitenbearbeiter: E-Mail
Letzte Änderung: 23.07.2009
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