Konstruktion der Macht

Internationales Symposion 30. Juni - 2. Juli 2005 in Heidelberg

Die "primitive Hütte" als rein funktionaler Unterschlupf, als künstliche Höhle, die schlicht vor Wetter und wilden Tieren schützt, ist ein architekturgeschichtlicher Mythos. Von Anfang an ist der architektonische Raum ein sozialer Raum, von Anbeginn an durchdringen sich die materielle und die ideelle Ebene. Ethnologische Studien wie die Untersuchungen von Lorna Marshall bei den !Kung San der Kalahari haben dies in aller Klarheit belegt und verdeutlichen die Zwangsläufigkeit dieser Verbindung.


Demgegenüber stellt Jeremy Benthams Entwurf des Panopticon aus dem Jahr 1787 den gezielten und reflektierten Versuch dar, menschliche Beziehungen in einer architektonischen Struktur zu präkonfigurieren und dadurch bestimmte gesellschaftliche Wirkungen hervorzubringen. In den Augen seines Erfinders gleichermaßen als Schulgebäude und Irrenanstalt, als Fabrikgebäude und Gefängnis geeignet sollte der nie verwirklichte Entwurf die ständige Sichtbarkeit der Insassen gewährleisten, um so die Kontrolle über ihr Handeln und damit Macht über sie selbst herzustellen.


Die Konstruktion der Macht ist Gegenstand eines Symposions, das zum Ziel hat, die Architektur vor allem staatlicher Gesellschaften von der Frühgeschichte bis heute als Quellen zu sozialgeschichtlichen und soziologischen Fragestellungen zu erschließen. Hierbei sollen Betrachtungen konfigurativer Aspekte, wie sie die obigen Beispiele andeuten, ebenso zum Tragen kommen wie Untersuchungen repräsentativer Aspekte öffentlicher, staatlicher und herrscherlicher Bauten und Raumordnungen. Grundlage hierfür ist ein Verständnis dieser Architekturen sowohl als Dokument als auch als Gestaltungsrahmen gesellschaftlicher Realitäten, als Kulisse der Selbstdarstellung der Mächtigen und Arena einer ständigen Neuverhandlung der Macht, als Medium kodierter Botschaften und Medium einer räumlichen Ordnung.

Huette
"Feuer sind beständig, Hütten sind Launen. Manchmal stellen sie zwei Stöcke auf, um den Eingang der Hütte zu symbolisieren, so daß die Familie sich orientieren kann, welche Seite des Feuers die des Mannes und welche die der Frauen ist. Manchmal halten sie sich nicht mit den Stöcken auf." (Lorna Marshall)
Pano  

Der breit gesteckte chronologische Rahmen und der Wunsch nach Interdisziplinarität bedingen sich gegenseitig und bringen zunächst widersprüchlich scheinende, tatsächlich aber komplementäre Perspektiven in einen spannenden Dialog: So werden sich die beteiligten Fächer in ihrer Auffassung des Raums als materiell "bestehend" oder im Handeln "entstehend" ebenso unterscheiden wie in ihren methodischen Zugängen zu seiner Untersuchung. Wenn beispielsweise der bauliche Rahmen, das Inventar und die menschlichen Akteure als Ebenen der Analyse einen Raum in soziologischer Sicht mit zunehmender Klarheit definieren, stellen sie im fragmentarischen Quellenmaterial der Archäologie Kategorien abnehmender Sichtbarkeit dar. Hier und an anderer Stelle soll ein Brückenschlag zwischen geschichts- und gesellschaftswissenschaftlichen Disziplinen versucht werden.

Die Metapher des Brückenschlags ist natürlich nur ein Beispiel von vielen, daß ein praktisches Bewußtsein der Architektur als Ordnungsstruktur und Zeichenträger ausgeprägt genug ist, auch unsere Sprache zu durchdringen. Gerade in Bezug auf Machtstrukturen zeigt sich dies besonders deutlich und läßt sich weit zurückverfolgen: ("Großes Haus") ordnete im alten Ägypten die Geschicke der Welt. Und heute lesen wir nahezu täglich in der Zeitung, daß das "Weiße Haus" genau dasselbe versuche.

  
"Die Moral wiederhergestellt, die Gesundheit bewahrt, Fleiß angeregt, Belehrung verbreitet, die öffentlichen Lasten vermindert, die Wirtschaft wie auf einem Felsen gegründet, der gordische Knoten der Armengesetze nicht durchschnitten, sondern aufgelöst; alles durch eine einfache architektonsiche Idee." (Jeremy Bentham)

 

 

 

Seitenbearbeiter: E-Mail
Letzte Änderung: 29.07.2011
zum Seitenanfang/up