Forschungsprojekte des Ägyptologischen Instituts
Projekttitel: Ramessidische Beamtengräber in der Thebanischen Nekropole
Projektleiter: Prof. Dr. Dr. h. c. Jan Assmann
Wiss. Mitarbeiter (nacheinander): E. Feucht, K.-J. Seyfried, F. Kampp
Finanzielle Förderung (nacheinander): DFG, Max-Planck-Forschungspreis für Internationale Kooperation, Gisela-und-Reinhold-Häcker-Stiftung
Förderungszeitraum: seit 1978
Seit inzwischen mehr als 25 Jahren ist das Heidelberger Ägyptologische Institut bei der Erhaltung und Dokumentation der dekorierten, vom Verfall bedrohten, Beamtengräber der Ramessidenzeit (13. - 12. Jh. v. Chr.) in der thebanischen Beamtennekropole mitbeteiligt. Dies geschieht unter der Leitung von Prof. Jan Assmann und Dr. Karl-Joachim Seyfried im Rahmen des sog. Ramessidenprojektes, das von der Deutschen Forschungsgemeinschaft und seit jüngster Zeit auch von der Gisela und Reinhold Häcker-Stiftung unterstützt wird. Der ägyptischen Altertümerverwaltung (früher EAO, jetzt SCA), stellvertretend ihren Präsidenten, sowie dem "Hohen Komitee" verdanken wir freundlich gewährte Arbeitserlaubnis.
Die Gräber dieser Zeit waren bisher so gut wie unpubliziert und galten als inhaltlich unergiebig und stilistisch dekadent. Hier war ein wissenschaftliches Vorurteil zu revidieren, stellen die thebanischen Gräber doch Quellen ersten Ranges für die ägyptische Religionsgeschichte dar.
Nach dem Abschluß der Publikations- bzw. Dokumentationsarbeiten an den thebanischen Gräbern des Nefer-secheru (TT 296), Amenemope (TT 41), Amenmose (TT 373), Paenkhenemu (TT 68), Djehutiemhab (TT 194), Djehuti-nacht (TT 189), Neferhotep (TT 257), Neferrenpet (TT 178), Paser (TT 106), Nedjemger und Hori (TT 138 und 259) sowie des Parennefer (-162-) haben wir seit Oktober 1998 in drei Kampagnen mit der Aufnahme eines weiteren ramessidischen Beamtengrabes begonnen. Die Aufnahme wurde hauptsächlich durch den Max-Planck-Forschungspreis, der 1996 an Jan Assmann verliehen wurde, finanziert. Über die Arbeit in diesem Grab soll im folgenden kurz berichtet werden.
Das Grab des "Großen Vermögensverwalters des Herrn der beiden Länder, u.ä." namens Nebsumenu (TT 183) ist am Fuße des Hügels von el-Khokha gelegenen und datiert in die zweite Hälfte der Regierungszeit Ramses' II.
Die Ausgrabung des Vorhofes des Grabes trifft auf die bekannte Problematik, die eine teilweise dicht besiedelte Nekropole naturgemäß mit sich bringt. Wie aus der Grundrißskizze hervorgeht, befindet sich über der südöstlichen Ecke des Vorhofes ein größerer moderner Häuserkomplex. Durch dieses Wohnhaus war es nur teilweise möglich, den Vorhof freizulegen. So kann vorläufig über das ungewöhnliche Dekorationsprogramm der Vorhofwände keine endgültige Aussage gemacht werden. Dies ist um so bedauerlicher, da im thebanischen Raum nur noch selten Hofdekoration bei Privatgräbern erhalten ist. Des weiteren konnte eine umlaufende Pfeilerstellung, die sich an die aus dem anstehenden Gestein gewonnene Portikusstellung der Grabfront anschließt, festgestellt werden. Einige dieser Pfeiler dürften an ihrer "Schauseite" und innerhalb eines Rücksprunges eine halbplastisch gearbeitete, fast lebensgroße Darstellung des Grabherrn im Gebetsgestus aufgewiesen haben. Die Photomontage (Abb. 2) soll eine Vorstellung von solch einer Pfeilerfrontplastik vermitteln.
Die Architektur der Grabinnenräume weist keine Besonderheiten auf. Die Anlage besteht aus einer etwa 8 m breiten Querhalle, einer etwa 11 m langen Längshalle und einer Kapelle. Bei der Freilegung der Innenräume ergab sich allerdings eine überraschende Problematik. Schon bei der Reinigung der Längshalle stießen wir auf eine Treppenkonstruktion, die fast die gesamte Dekorationsfläche der nördlichen Längswand durchbricht. Diese Treppenanlage führt von der Decke in der Nordostecke der Längshalle - schräg zur Grabachse verlaufend - auf das Bodenniveau dieses Raumes, um sich dann in dessen Boden und am Anfang der anschließenden Kapelle in die Tiefe fortzusetzen (doppelt gestrichelte Linie in Abb. 1 und Abb. 3). Demnach wurde bei den Ausbrucharbeiten zur Längshalle die unterirdische Anlage eines "älteren", höher gelegenen Grabes angeschnitten, und der Boden mußte planiert sowie die Wand mit Flicksteinen aufgemauert werden. Auf die Fortsetzung dieses Treppenabstieges stießen wir bei der Freilegung der ramessidischen Sloping-passage, deren Zugang sich im ersten Drittel der südlichen Kapellenwand befindet. Ein kurzer Gang knickt nach etwa 2 m nach Westen ab, führt schräg nach unten in die Tiefe und trifft nach etwa 5-6 m auf einen horizontal geführten Quergang der "älteren" Anlage. Mit diesem Zusammentreffen der beiden "Unterwelten" sind die baulichen Aktivitäten des Nebsumenu in diesem Grababschnitt offensichtlich beendet, und der Grabherr nutzte die weiter folgenden "älteren" Gänge und Räume für seine eigene Bestattungsanlage. Daß Nebsumenu und seine Gattin Baket-Mut diesen Teil des Grabes tatsächlich selbst genutzt haben, wird einerseits durch mehrere beschriftete Artefakte in der Sargkammer, andererseits durch dekorierte Türrahmenfragmente aus Kalk- und Sandstein, die aus der unterirdischen Passage stammen, mehr als wahrscheinlich.
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Neben der zum Teil noch sehr gut erhaltenen Reliefdekoration (Abb. 4) der Wände ist vor allem die außergewöhnliche Deckenbemalung zu erwähnen (Abb. 5). Sie besteht nicht, wie sonst üblich, aus ornamentalen oder floralen Mustern, sondern aus Texten und zahlreichen Vignetten aus dem Totenbuch, die von Dr. Mohammed Saleh bearbeitet werden. Die Ausstattung der Decke mit diesen Szenen und Texten ist nicht völlig einmalig, in dieser Fülle an Bildern und in dieser Qualität aber außergewöhnlich.
Die zu einem unbekannten Zeitpunkt erfolgte partielle Reinigung der Grabanlage ließ keine besonderen Funde erwarten. Dennoch ergaben sich aus dem üblichen "Nekropolenschutt" noch einige interessante Beobachtungen. Neben einer großen Anzahl von dekorierten Kalk- und Sandsteinfragmenten, die größtenteils zu den Hofwänden und den aufgemauerten Pfeilern des Hofes gehören, fand sich im Gemenge der kurz und klein geschlagenen Bestattungsreste aus der Spätzeit auch eine beachtliche Anzahl von Mumienbinden mit Schrift- und Dekorationsresten. Ein weiteres Objekt, das aufgrund seiner weitgehenden Vollständigkeit und seiner Datierung von besonderem Interesse ist, soll nicht unerwähnt bleiben: Aus einem Schacht im Vorhof, der erkennbar nicht zur Anlage des Nebsumenu gehört, stammen die Scherben eines nahezu vollständig rekonstruierbaren Eingeweidegefäßes mit einem dazu passenden und kaum beschädigten, anthropomorphen Verschluß (Abb. 6). Dieser fand sich auf dem "Kopf stehend", mit dem Gesicht zur Raumwand ausgerichtet - und daher wohl von Plünderern zur späteren Mitnahme dort deponiert - am Übergang der Schachtsohle zum anschließenden Bestattungstraktes. Eine stilistische Datierung dieses Objektes weist auf die 18. Dynastie und dürfte mitsamt den angesprochenen Schachtanlagen ein weiteres Indiz für die in diesem Bereich während der Ramessidenzeit beeinträchtigten bzw. teilweise beseitigten Grabanlagen der vorangegangenen Dynastie darstellen.
Von einer oberirdischen Anlage, die in Form einer Ziegelpyramide zu erwarten wäre, konnten wir bisher nicht die geringsten Spuren feststellen. Sie könnte direkt über der Grabanlage oder aber in weiterer Entfernung am steileren Hang des Khokha-Hügels gelegen haben.
Ein besonderes Merkmal dieses Grabes soll zum Schluß noch erwähnt werden, und dies ist der Name des Grabes. Nur ein einziges weiteres Grab der thebanischen Nekropole besitzt ebenfalls einen Eigennamen, es ist also eine seltene Besonderheit. Die entsprechende Textstelle lautet folgendermaßen: "Die Grabanlage des Osiris, des Festleiters Nebsumenu, gerechtfertigt, - Amun hat sie (i.e. die Grabanlage) gegeben -, ist ihr schöner Name". Die Bezeichnung des Grabes als ein "Geschenk des Amun" zeigt überdeutlich die unmittelbare Gottesnähe des Individuums, das keiner königlichen oder priesterlichen Vermittlung mehr bedarf. Der Schritt vom loyalen Gefolgsmann, dessen Ergebenheit der König durch seine göttliche Gnade und Gunst belohnt, zu einem allein aufgrund seiner Taten und persönlichen Eigenschaften vor dem Totengericht "Gerechtfertigten" könnte kaum deutlicher sein.
S. Kubisch/K.-J. Seyfried





