Im wundersamen Sommer 1809
aus: Süddeutsche Zeitung, Freitag, 18. Dezember 2009
Noch bevor die deutschen Universitäten sich neu erfinden, rechtfertigt August Böckh in Heidelberg die Philologie neu / Von Jürgen Paul Schwindt
In der gewöhnlichen Wahrnehmung der Institutionengeschichte ist das Jahr 1809 ein eher unauffällies Jahr. Wir befinden uns in der Niemandszeit zwischen Niedergang und Auflösung zahlreicher Universitäten des alten Reiches und der Gründung neuer Hochburgen des organisierten Geistes in Berlin und Bonn in den Jahren 1809/10 und 1818. In Heidelberg muss nach den Jahren romantischen Überschwangs, als das Fieber der Jenaer Frühromantik für eine kurze Zeit auf die Stadt am Neckar übergegriffen hatte, eine große Ernüchterung eingekehrt sein. Im Herbst 1808 hatte nach Görres und Brentano schließlich auch von Arnim, ermüdet vom Dauerstreit mit dem rationalistischen Spätaufklärer Voss, Heidelberg verlassen. Im Frühjahr 1809 kehrte auch Friedrich Creuzer, der neuhumanistisch-romantische Vordenker der Philosophischen Fakultät, seiner Hochschule – wenngleich nur für einen Sommer – den Rücken. An seine Stelle war inzwischen der junge August Böckh gerückt, der 1807, einundzwanzigjährig, auf ein Extraordinariat an Creuzers Seminar berufen worden war.
In jenem Sommer der Ernüchterung las Böckh zum ersten Mal über die "Encyklopädie und Methodologie der philologischen Wissenschaften", eine Vorlesung, die er schwerlich gehalten hätte, wenn Creuzer, der seinerseits beträchtlichen Ehrgeiz auf die konzeptionelle Profilierung des Fachs verwandt hatte, in Heidelberg verblieben wäre. So aber kommt es im doppelten Vakuum des Verlusts der institutionellen Zentren des Faches (besonders Halle) einerseits, des örtlichen Vordenkers der Erneuerungsbewegung andererseits zur Erprobung und Entfaltung eines neuen philologischen Paradigmas.
In jenem Sommer fallen, in Heidelberg, in der Vorlesung des noch wenig bekannten Böckh zum ersten Mal die späterhin berühmt gewordenen Begriffe und Formeln von der "Erkenntnis des Erkannten" und der "unendlichen Approximation" als der Aufgabe der Philologie. Böckhs Programmschrift, die erst 1877 von Ernst Bratuschek aus dem Nachlass ediert wurde, nimmt ihren Ausgang von dem Eingeständnis eines Unbehagens an der epistemischen Form des Fachs, das zu lehren er soeben auf seinen philologischen Lehrstuhl berufen worden war. Die Form der Philologie war trotz der Anstrengungen früherer Generationen nicht gefunden. So misst Böckh noch einmal das praktische und theoretische Feld aus, das das Denken und Handeln der Philologie bestimmt.
Als "die eigentliche Aufgabe der Philologie" bestimmt Böckh "das Erkennen des vom menschlichen Geist Producierten, d.h. des Erkannten". Von der Geschichte wird sie dadurch unterschieden, dass sie nicht an der Darstellung des Geschehenen interessiert sei, sondern nur am "Wiedererkennen der in der Geschichtschreibung niedergelegten Geschichtskenntnis, also ... der Geschichte der Geschichtsschreibung". Das gesprochene oder geschriebene Wort bestimmt der Heidelberger Philologe als den "ursprünglichsten philologischen Trieb" und die Philologie als eine "der ersten Bedingungen des Lebens, ein Element ..., welches in der tiefsten Menschennatur und in der Kette der Kultur als ein ursprüngliches aufgefunden wird". Das sind Einsichten, die gelegentlich zitiert, aber nur selten in ihrer geschliffenen Schärfe und herausfordernden Radikalität begriffen worden sind.
"Sollen wir denn nur immer in kleinere Münze verwechseln und das Capital so wenig vermehren?"
Den schärfsten Einwand gegen die neue Auffassung des philologischen Geschäfts formuliert der versierte Methodologe selbst und kleidet ihn sinnigerweise in die Form des Literaturzitats: "Sagt mir doch, ihr Gelehrten", so lässt Böckh Laurence Sternes Tristram Shandy vernehmen, "sollen wir denn nur immer in kleinere Münze verwechseln und das Kapital so wenig vermehren? ... Sollen wir bis acht Tage nach Ewig immerfort, Festtag und Werkeltag sitzen, bestimmt die Reliquien der Gelehrsamkeit zu zeigen, wie Mönche die Reliquien ihrer Heiligen, ohne auch nur ein einziges Wunderwerk damit zu tun?" Bei der Erkenntnis des Erkannten liegt, so Böckh, "mehr Production in der Reproduction als in mancher Philosophie, welche rein zu producieren vermeint". Die Philologie verfüge sogar über ein eigentümliches Wissen, das im Denken über das fremde Erkennen gründe. In der Reproduktion werde das Fremde zum Eigenen und müsse dann doch so weit distanziert werden, dass es im Akt des philologischen Urteils als ein Objektives seine Stelle im Ganzen der Erkenntnis des Erkannten finden könne. Das Geschäft der Philologie ist indessen unabschließbar: "Die Philologie ist, wie jede Wissenschaft, eine unendliche Aufgabe für Approximation."
Sosehr sich die Böckhsche Methode von Herders Sprachphilosophie, Schleiermachers Hermeneutik und Schellings Figur des Künstlerphilologen beeinflusst zeigt, so durchschlagend originell ist doch die programmatische Verve, mit der der Methodologe die Philologie auf sich selbst verweist. Es gehört zu den Ironien der Rezeptionsgeschichte des Böckhschen Methodenwerks, dass es in seinen pragmatisch-enzyklopädischen Teilen stärker als in seinen formal-theoretischen Teilen gewirkt hat.
Die "materialen Disziplinen der Altertumslehre", die in Böckhs Darstellung den zweiten Hauptteil bestreiten, ließen sich nicht auf Dauer dem Plan einer "umfassenden Bildung" ("enkyklios paideia") integrieren, der dem Gestaltungswillen einer philologischen Idee unterstellt war. In dem Maße, wie sie sich disziplinär verselbständigten, entfernten sich die "materialen" Altertumswissenschaften –oft dauerhaft– von jenem reflektierenden Zentrum der Böckhschen Philologie, das die wissenschaftliche Erkenntnis an ein Verfahren knüpfte, das man die Selbstrechtfertigung des philologischen Denkens nennen kann. So hat paradoxerweise der Erfolg, der Böckhs Methode beschieden war und ihn zu einem der wichtigsten Anreger noch der heutigen Kulturwissenschaften machte, das Legitimationsproblem einer "speculativ" gedachten Philologie nicht gelöst, sondern im Gegenteil verschärft.
Schon 1811 verließ Böckh Heidelberg, um an der neu gegründeten Universität in Berlin eine überragende Lehr-und Forschungstätigkeit zu entfalten. In den 56 Jahren seines Wirkens in der Hauptstadt Preußens hat er seine Vorlesung über die "Enzyclopädie und Methodologie der philologischen Wissenschaften" –ausweislich der Vorlesungskataloge– noch fünfundzwanzigmal wiederholt. Bis zuletzt stützte er sich dabei auf ein Kollegheft aus dem wundersamen Intermezzo jenes Sommers von 1809, als sich die Philologie im Schatten der großen Institutionen und ihrer glanzvollsten Vertreter auf sich selbst besann.