Forschung und Lehre
Sprachen im Kontakt
Sprachen im Kontrast
Sprache und Kognition
Übersetzungswelten
Vor dem Hintergrund der sprachlichen und kulturellen Vielfalt Iberoamerikas konzentriert sich die Forschung am IAZ im Bereich der Linguistik und der Literaturwissenschaft im Wesentlichen auf die Untersuchung von identitätsstiftenden Prozessen und diversitätsbedingenden Faktoren.
Forschungsbereiche des IAZ
Die größtenteils im Rahmen von Forschungskooperationen entstehenden Projekte zielen im Bereich der Linguistik unter anderem auf die Diskurstraditionen, auf soziolinguistische und sprachpolitische Aspekte, sowie auf Sprachbarrieren und -brücken ab. Kontrastiv werden darüber hinaus Diskursstrukturen und Diskurspartikeln sowie Fachsprachen und Terminologien untersucht. Von großem Interesse sind außerdem einzelsprachspezifische Strukturen und ihre Zusammenhänge mit kognitiven Strukturen, etwa im Hinblick auf die Sprachproduktion und den Spracherwerb, sowie die Funktion der Diskurspartikeln hinsichtlich der Informationsverarbeitung in unterschiedlichen Sprachen.
Forschungsbereich: Sprachen im Kontakt
Sprachkontakt, Kulturkontakt, Diskurstradition
Im Kontext von Sprach- und Kulturkontakten in Mexiko, Brasilien, Argentinien und Paraguay ist die diskursive Historizität von besonderer Relevanz. In diesem Sinne werden aus diskurstraditioneller Perspektive konkrete sprachliche Charakteristika wie evidentielle Marker beobachtet. Dabei stellt sich die Frage, inwiefern Traditionsrelationen bereits im Sprechen (im Gegensatz zur Sprache) für die Auswahl und Entwicklung einzelner Sprachstrukturen relevant sind. Die Untersuchung der spezifischen Funktionen evidentieller Markierung und ihrer Grammatikalisierung erfolgt in Abhängigkeit konkreter Textsorten (Diskurstraditionen) und ist korpusbasiert. Die verwendeten Korpora setzen sich für die sprachhistorisch ausgerichteten Analysen aus schriftsprachlichen Texten der kolonialen Expansion (insbesondere Briefe, Chroniken, Prozessakten, Missionarsberichte aber auch Sprachbeschreibungen) und für die synchronen Untersuchungen aus einer breiten Auswahl an nähe- und distanzsprachlichen Dokumenten unterschiedlicher Diskurstraditionen aus dem 20. und 21. Jahrhundert (Transkriptionen spontaner Alltagsgespräche sowie narrativer Interviews und Zeitungstexte) zusammen. Inhaltliche Schwerpunkte sind in diesem Bereich die Transliteralisierung und Digitalisierung von handschriftlichen Dokumenten sowie die Erfassung unterschiedlicher evidentieller Markierungsstrategien in translingualen Kommunikationsräumen.
Forschungsbereich: Sprachen im Kontrast
Diskursive Modellation von Gewalt und Krise
In diesem Forschungsbereich wird kontrastiven Fragestellungen im Bereich Diskurs und Diskursanalyse (Spanisch – Portugiesisch – Deutsch) nachgegangen. Es soll untersucht werden, wie die gesellschaftlich relevanten aktuellen Themen Krise, Schulden, Gewalt, politisch und religiös motivierter Terrorismus für einzelne Sprachen spezifische Bedeutungs- und Argumentationsstrukturen hervorbringen. Die Untersuchung basiert auf einem digital zu erfassenden Corpus von Dokumenten der öffentlichen Kommunikation, in welchen diese Themen debattiert werden.
Forschungsbereich: Sprache und Kognition
Diskurspartikeln und Informationsverarbeitung
Das Verständnis von Äußerungen erfolgt mittels inferentieller Verarbeitungsprozesse, ihre Dekodierung ist weder automatisch noch unfehlbar. Daher muss es sprachliche Ausdrücke geben, die diese Verarbeitungsprozesse begrenzen, indem sie den Hörer/Leser zu der erwarteten Wirkung hinführen und seinen Verarbeitungsaufwand reduzieren. Bei den Ausdrücken, die die Rezeption von Einheiten mit repräsentationeller Bedeutung leiten, handelt es sich um Diskurspartikeln. Dies sind keine “obligatorischen” im Sinne von zwingend notwendigen Einheiten, sondern intentionale Zeichen, weshalb den Diskurspartikeln in der Textrezeption und -produktion auch besondere Aufmerksamkeit zuteil wird.
Diese Hypothese stand bereits im Fokus zahlreicher deskriptiver Studien. Im Forschungsbereich “Diskurspartikeln und Kognition” des IAZ soll nun mit experimentell ausgerichteten Untersuchungen ein neuer Weg eingeschlagen werden. Mittels psycholinguistisch orientierter Tests werden Reaktionen (wie z.B. den Verarbeitungsaufwand) auf gegebene Stimuli (in diesem Fall Texte) analysiert. In diesem Zusammenhang wurden folgende Arbeitshypothesen aufgestellt:
- Die Diskurspartikeln bedingen den Verarbeitungsaufwand des Empfängers.
- Dieser Verarbeitungsaufwand ist durch die einzelsprachlichen semantischen, morphosyntaktischen und pragmatischen Eigenschaften der Diskurspartikeln determiniert.
- Unterschiedliche Partikeltypen erfordern quantitativ und qualitativ unterschiedliche Verarbeitungsstrategien.
Ziel des Forschungsprojekts ist letztendlich auch, eine Antwort auf die Frage zu liefern, ob sich messen lässt, welcher Art und wie groß der Einfluss der Partikeln auf das Textverständnis ist.
Sprachverarbeitung und Spracherwerb
Die sogenannte ‚kognitive Wende‘ hat in der Sprachwissenschaft einen Paradigmenwechsel eingeleitet, mit dem der Analysegegenstand nicht mehr nur in dem sprachlichen Produkt, sondern in den Prozessen seines Zustandekommens gesehen wird. Damit eröffnen sich Fragen nach den Faktoren, die Sprachverarbeitung und Spracherwerb steuern, und deren bestimmende Funktion in der konkreten formalen Gestaltung sprachlicher Äußerungen.
Die Projektgruppe im Rahmen des IAZ folgt diesem Analyseansatz mit einem speziellen Fokus auf sprachvergleichenden und spracherwerbsbezogenen Untersuchungen. Im Vordergrund stehen dabei Fragenstellungen, die sich mit sprachspezifischen Mustern von Wahrnehmung und Informationsverarbeitung im Rahmen von Sprachproduktion und –verstehen befassen. Unter Einsatz qualitativ deskriptiver sowie quantitativ experimenteller Methoden sollen Untersuchungen durchgeführt werden, in denen typologische Diversität in ihrer Bedeutung für kognitive Prozesse Gegenstand ist. Die Ergebnisse sprachvergleichender Studien bilden den Hintergrund für Spracherwerbsuntersuchungen, die in besonderer Weise Einblicke in Zusammenhänge zwischen kognitiven Prinzipien der Informationsver-arbeitung und einzelsprachlichen Strukturen geben.
Inhaltliche Forschungsschwerpunkte in diesem Bereich sind
- Ereigniskognition: Informationsselektion, Perspektivenwahl und sprachliche Form
- Zeitkognition: temporale Perspektiven, insbesondere ausgedrückt durch Aspektsysteme
- Raumkognition: Perspektivenwahl, Prinzipien räumlicher Kohärenz im Zusammenhang mit einzelsprachlichen Systemen
- Diskurskohärenz auf makro- und mikrostruktureller Ebene im Sprachvergleich.
Forschungsbereich: Übersetzungswelten
Fachsprachenforschung, Terminologielehre
und Übersetzungswissenschaft
Im Forschungsbereich „Übersetzungswelten“ soll den Fragestellungen der Terminologie- und Fachsprachenforschung sowie der Übersetzungswissenschaft ein Forum geboten werden. Neben der komparativen bzw. kontrastiven Erschließung fachsprachlicher Strukturen und der terminologischen Aufbereitung von Fachwortschätzen knüpft die Forschung auch an den Bereich "Partikeln und Kognition" an. So kann ausgehend von einem übersetzungswissenschaftlich-pragmatischen Ansatz korpusbasiert die Übersetzung von Diskurspartikeln in literarischen und fachsprachlichen Texten analysiert werden. Neben dem sprachspezifischen Textvergleich erlaubt dieser Ansatz die Herausarbeitung von Übersetzungsmustern und daraus ableitbaren Übersetzungsstrategien und -techniken. Ferner können textsortenspezifisch Übersetzungsprozesse mit niedriger Planbarkeit, wie etwa das Stegreifübersetzen, untersucht werden.
Koloniale Übersetzung in Neu-Spanien
In diesem historisch orientierten Forschungsprojekt stehen koloniale Dokumente aus dem 16. bis 18. Jh. aus Neu-Spanien im Fokus des empirischen Interesses. Es handelt sich um ein Corpus aus Texten in indomexikanischen Sprachen und ihren spanischen Übersetzungen, d.h. Textpaaren und Textnetzwerken. Aus den spezifischen Konstellationen der Sprachen zueinander, ihren unterschiedlichen historischen Ausgangsbedingungen sowie durch den translationsbedingten Sprachkontakt, ergeben sich zahlreiche Fragestellungen, in deren Mittelpunkt der Zusammenhang zwischen Schriftgebrauch, Übersetzung und deren Akteuren und ihrem translatorischen Handeln in kulturellen Zwischenräumen, und die damit verbundene Herausbildung von Transkulturalität, von Diskurstraditionen und von regionalen, durch Sprachkontakt gekennzeichneten Varietäten des kolonialen Spanisch sowie kolonialer fachsprachlicher Varietäten indomexikanischer Sprachen stehen. Dieses interdisziplinär angelegte Forschungsprojekt wird in Zusammenarbeit mit Yanna Yannakakis, Institut für Geschichtswissenschaften der Emory-Universität Atlanta/ USA durchgeführt.

