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Barocke Welten in Spanien und in den spanischen Kolonien
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Barocke Welten in Spanien und in den spanischen Kolonien​

Der Scharfsinn des Ingeniums

Lit Iberia

Ein durchgängiger Zug der spanischen Literatur des Barock ist die Kultur des ingeniösen Denkens. Cervantes hat gleich zu Anfang des Jahrhunderts mit dem ingenioso hidalgo Don Quijote de la Mancha die Möglichkeiten und Gefahren dieses Denkens deutlich gemacht. Während des gesamten 17. Jahrhunderts ist die Literatur in Spanien und in Lateinamerika von der Lyrik über das Drama bis zum Roman vom ingeniösen Denken getragen. Die großen Gedichtwerke von Góngora, Villamediana, Soto de Rojas oder Sor Juana Inés de la Cruz sind exemplarische Beispiele für das literarische Denken in conceptos.
Graciáns Abhandlung Agudeza y arte de ingenio (1648) hat die Bildung von conceptos theoretisch analysiert und beschrieben. Die systematische Intention von Graciáns Traktat zielt auf eine Theorie des Ingeniums und eine Kunstlehre des Scharfsinns (agudeza). Das Ingenium beansprucht ein eigenes Feld neben dem der Logik und Rhetorik. Ein concepto ist kein logischer Begriff, keine rhetorische Figur und auch kein literarisches Bild. Es gehört nicht dem kategorialen Denken an und bildet nicht die theoria genannte Erkenntnis aus. Es wird auch nicht nach Art eines rhetorischen Enthymems  gebildet; es gehört nicht zum tropischen Denken und arbeitet nicht auf Vorstellungsbilder. Es ist eine geistige Wirklichkeit, die weder der optisch-ikonischen Phantasie entstammt – also Bild oder Vision wäre – noch vom Verstand erzeugt wird – also Begriff oder Theorie wäre. Ein concepto ist nicht vorstellbar und nicht verstehbar, wenn Vorstellungen bildlich und Verstehen begrifflich verfasst ist. Und doch hat es an beiden Sphären Anteil. Ein concepto bildet eine intellektuelle Anschauung, in der die Felder des Theoretischen und des Imaginative verbunden und miteinander in Beziehung gesetzt werden.
Ein Ziel der Forschungen der nächsten Jahre ist es, diese theoretischen Überlegungen mit Analysen der konkreten Beispiele

konzeptistischer Literatur zu verbinden.


Lit LateinamLetras coloniales
und die Ökonomie der mercedes


Von Anbeginn an wurden Texte über und aus den Indias durch eine administrative Matrix geformt. Konquistadoren schlossen Verträge (capitulaciones) mit der Krone ab, die ihre Verpflichtungen und die Gegenleistungen (mercedes) in Form von Privilegien und Titeln festlegten. Zu diesem Zweck mussten sie und ihre Nachkommen die geleisteten Verdienste (méritos y servicios) in einer durch die Administration vorgegebenen Form belegen. Das Prinzip der Entlohnung für Verdienste auf der Basis von dokumentierten Verdiensten galt auch später für alle Untertanen der spanischen Krone in den Kolonien. Zugleich versuchten Autoren, dieses Reglement zu umgehen oder für ihre Zwecke zu nutzen. Ein Ursprung der lateinamerikanischen Fiktion ist somit diese Ökonomie der mercedes. Die Bedeutung des administrativen Dispositivs für die diskursive Produktion der Kolonialzeit wurde in der Forschung anerkannt, aber noch nicht in seiner ganzen Tragweite untersucht.
Weitere Präzisierungen und eine methodologisch-theoretische Konzeptualisierung der Verbindung von administrativen Apparaten, Historiographie und Literatur sowie die Analyse von kolonialen Texten in dieser Perspektive sind erforderlich.

Pikareskes Schreiben in Spanien und Lateinamerika

Der anonyme Lazarillo de Tormes markiert einen Meilenstein in der Entwicklung moderner Formen der Literatur. Erstmals betritt der infame Mensch die Bühne der Weltliteratur und erzählt die Geschichte seines Lebens und seiner Konfrontation mit der Staatsmacht sowie dem gesellschaftlichen Establishment. Die Pikareske ist somit das Medium für Subjektivierungsvorgänge und das Paradigma der diskursiven Domestizierung der Subalternen bzw. widerständigen Schreibens. Von daher erklärt sich zum einen die Popularität der novela picaresca in Spanien des Siglo de Oro und das Auftreten pikaresker Subjekte im kolonialen Ambiente zu einer Zeit, in der sich moderne Formen der Souveränität herausbilden. Zum anderen wurde pikareskes Schreiben zu einem literarischen Modus der spanischen und lateinamerikanischen Literatur bis in die Gegenwart.

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Prof. Dr. Robert Folger

Lehrstuhl für Romanische Literaturwissenschaft
Romanisches Seminar der Universität Heidelberg
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Kontakt: robert.folger@rose.uni-heidelberg.de

 

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Prof. Dr. Gerhard Poppenberg

Lehrstuhl Literaturwissenschaft Französisch/Spanisch
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Letzte Änderung: 14.06.2017
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