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Politik in Zeiten der Krise

Stefanie Walter erforscht das Verhalten von Regierungen bei wirtschaftlichen Problemen.

Ihr Interesse gilt den Krisen: finanziellen Notlagen, abstürzenden Währungen, wirtschaftlichen Abwärtsspiralen. Und den Regierungen der betroffenen Länder: Wie reagieren sie darauf? Wie schnell leiten sie notwendige Reformen ein? Und inwiefern wird ihr Handeln von politischen Erwägungen bestimmt? Stefanie Walter ist seit 2008 Juniorprofessorin für Internationale und Vergleichende Politische Ökonomie am Institut für Politische Wissenschaft der Universität Heidelberg. Sie untersucht, warum manche Regierungen ihre Wirtschaftspolitik rechtzeitig korrigieren, während andere wegen politischer Bedenken, beispielsweise mit Blick auf Wahlen oder bestimmte Interessengruppen, Reformen so lange wie möglich hinauszögern - eine Strategie, die häufig in einer Wirtschaftskrise endet.

Stefanie Walter
Prof. Dr. Stefanie Walter

Das Beispiel Thailand: Der spektakuläre Absturz der thailändischen Währung im Sommer 1997 sei eines der denkwürdigsten Ereignisse der Asienkrise gewesen, erklärt Stefanie Walter. Die Währung war seit mehreren Jahren überbewertet, aber die Regierung passte ihre Politik nicht entsprechend an, sondern verkaufte lieber ihre gesamten Devisenreserven. Erst als nichts mehr übrig war, ließ sie eine Anpassung des Wechselkurses zu. Das Resultat: Die Währung verlor die Hälfte ihres Wertes, das Land stürzte in eine schwere Wirtschaftskrise. Diese und drei weitere Währungskrisen hat Walter für ihr im März fertiggestelltes Buch „Averting Crisis: The Political Economy of Macroeconomic Adjustment“ analysiert. Unter anderem zeigt die Wissenschaftlerin hierin auf, inwieweit die Wirtschaftspolitik davon bestimmt wird, wie stark Wechselkurs- und Zinsänderungen die Kaufkraft und Wettbewerbsfähigkeit einer Bevölkerung beeinträchtigen.

Das Interesse an Politik hat sich bei Stefanie Walter schon früh entwickelt: Um länger aufbleiben zu dürfen, guckte sie mit ihren Eltern zusammen die Tagesschau und bekam von ihnen die Nachrichten erklärt. Später studierte sie Verwaltungswissenschaft in Konstanz, ein Studiengang, der Politik und Managementlehre kombiniert. Nachdem sie fünf Jahre an der Eidgenössischen Technischen Hochschule und der Universität Zürich geforscht und gearbeitet hatte, suchte sie nach neuen Perspektiven.

Drei Rufe hat sie schließlich erhalten; ihre Entscheidung fiel auf Heidelberg. „Den Ausschlag gab, dass der Bereich Politische Ökonomie im Rahmen der Exzellenzinitiative stark ausgebaut werden sollte“, sagt die 34-Jährige. „Hier dabei zu sein, ist eine besondere Chance.“ Durch das Teilprojekt „Economics & Social Science“ des Heidelberger Zukunftskonzepts, mit dem die Bereiche Politik, Wirtschaft und Soziologie gestärkt und enger verknüpft werden sollen, wurden mehrere Stellen geschaffen, darunter zwei Juniorprofessuren. Eine davon hat Stefanie Walter inne. „Dass eine Professur so perfekt auf das eigene Profil zugeschnitten ist, ist selten“, sagt sie. Die Ausstattung mit einer halben Mitarbeiterstelle und einem Budget von 10.000 Euro pro Jahr ermögliche ihr einen sehr guten Start in die wissenschaftliche Laufbahn. Walters nächstes Ziel: eine volle Professur.

Intensiv beschäftigt sich die Wissenschaftlerin auch mit dem Thema Globalisierung. Sie untersucht, wie die Auswirkungen des globalen Wettbewerbs das Gefühl ökonomischer Sicherheit und das Wahlverhalten verschiedener Personengruppen bestimmen. Gut ausgebildete Menschen profitieren von der Globalisierung, weil sie ihre Fähigkeiten international anbieten können. Die Risiken des Arbeitsmarktes und eine Politik, die diese abmildert, sind für sie weniger relevant. Dagegen bezeichnet Walter schlecht qualifizierte Arbeiter in Industrien, die im internationalen Wettbewerb stehen, als Globalisierungsverlierer: „Ihre Jobs werden am ehesten ins Ausland verlegt und ihre Produkte durch Importe aus Billiglohnländern ersetzt.“

„Politiker, die die Effekte der Globalisierung abmildern wollen, sollten ihre Reformen also speziell auf die Globalisierungsverlierer ausrichten“, schlussfolgert Walter. Denn eine Politik, die sich an Geringqualifizierte im Allgemeinen - nicht nur in der Industrie - richte, schließe auch die große Gruppe von Personen ein, die vom internationalen Wettbewerb wenig oder gar nicht betroffen sei. „Für diese stellen jedoch andere Entwicklungen wie etwa der Anstieg von Zeitarbeit und sozial gering abgesicherte Beschäftigungsverhältnisse viel dringlichere Probleme dar“, erklärt die Wissenschaftlerin.

Als nächstes plant die Juniorprofessorin eine Untersuchung der Euro-Krise 2011: Sie will das Krisenmanagement und dessen Auswirkung auf den Euro analysieren. Unter anderem geht es ihr um die Frage, warum sich einige Länder bei der Beschaffung von Finanzhilfen besser durchsetzen können als andere.

Derzeit müssen die Finanzkrisen dieser Welt allerdings zurückstehen: Seit Beginn des Sommersemesters 2011 ist Stefanie Walter in Elternzeit. Inzwischen sei sie Expertin darin, gleichzeitig mit Kind und Laptop umzugehen, erzählt sie. „Eigentlich hatte ich mir vorgenommen, gar nicht zu arbeiten, aber das funktioniert nicht.“ Ihr Sohn Nils bewies bereits Verständnis für die wissenschaftliche Arbeit seiner Mutter: Er kam genau einen Tag, nachdem sie ihr Buch beendet hatte, zur Welt.

 

Kurzbiografie

Prof. Dr. Stefanie Walter

Stefanie WalterStefanie Walter hat Verwaltungswissenschaft und Volkswirtschaftslehre an der Universität Konstanz studiert. Anschließend ging sie nach Zürich, wo sie an der Eidgenössischen Technischen Hochschule (ETH) promovierte und später als wissenschaftliche Mitarbeiterin der Universität Zürich arbeitete. Danach verbrachte sie ein Jahr als Fritz-Thyssen-Stipendiatin am Weatherhead Center for International Affairs der Harvard University. 2009 folgte sie dem Ruf nach Heidelberg. Ihr Forschungsschwerpunkt liegt auf der Frage, wie Verteilungskonflikte, Politikpräferenzen und Institutionen wirtschaftspolitische Entscheidungen beeinflussen.

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Letzte Änderung: 24.07.2013
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